Wer liegt richtig? Hamburg oder Essen? Görtz oder Deichmann? Die Frage: Ist mittelpreisiger Multilabel-Handel in Innenstadtlagen profitabel möglich oder nicht? Bei Branchenprimus Deichmann ist man überzeugt, dass die Antwort ’Nein‘ lautet. So hatte das Unternehmen im Frühjahr entschieden, Roland aufzugeben. Das Vertriebskonzept sei „nicht zukunftsfähig“. Die sinkende Kundenfrequenz in den Innenstädten, Preisverfall und der wachsende Onlinehandel würden vor allem Mittelpreiskonzepte hart treffen, hieß es zur Begründung. Und die Situation werde sich weiter verschärfen. Statt weiter vergeblich in Roland zu investieren, wurde daher ein klarer Schnitt vollzogen.
Die Entscheidung von Deichmann hat im Schuhhandel für Verunsicherung gesorgt. Schließlich deckt sich das Roland-Konzept in weiten Teilen mit den Formaten, mit denen der Fachhandel am Markt aktiv ist. So dürfte das Sortiment des Filialisten weitgehend identisch mit dem durchschnittlichen Angebot eines ANWR- oder SABU-Mitglieds sein. Diesen sind auch die oben genannten Herausforderungen bestens bekannt. Der größte Unterschied war jedoch die Mietbelastung, die sich bei Roland deutlich stärker auf die Profitabilität ausgewirkt haben dürfe. Auch vor diesem Hintergrund hat die Entscheidung von Görtz, 20 Roland-Standorte zu übernehmen, für Aufsehen gesorgt. Anders als ihre Kollegen bei Deichmann scheinen die Hamburger weiterhin vom Potenzial des stationären Handels in Toplagen überzeugt zu sein.
Görtz ist ein Phänomen. Und schwer durchschaubar. Auf die Zäsur im Jahr 2014, als notgedrungen erhebliche Unternehmensanteile an den Investor Afinum verkauft werden mussten, folgte zunächst eine Konsolidierung. Unter Geschäftsführer Frank Revermann setzt Görtz mittlerweile wieder auf ’kontrollierte Offensive‘ – siehe Roland-Deal. Vor allem in Süddeutschland wird eine bemerkenswerte Expansionsstrategie verfolgt. Beachtlich ist diese vor allem auch deshalb, weil Ende 2018 noch die Lieferanten mittels des so genannten ’Konjunktur-Bonus‘ in Höhe von 2,5% zur Kasse gebeten wurden. „Kosten sparen, indem man nicht investiert, macht nicht profitabel, sondern verstärkt nur stagnierendes bis rückläufiges Geschäft“, erklärte Frank Revermann damals in schuhkurier. Man kann dem Manager wahrlich nicht vorwerfen, übermäßig auf die Kostenbremse zu treten. Doch wohin steuert Görtz langfristig? Was will Afinum? Auch die Beantwortung dieser Fragen wird noch für große Spannung sorgen.