Der Werdegang des Unternehmers
Als prägend hatte Ludwig Görtz, geboren am 22. November 1934, den Zweiten Weltkrieg erlebt. Den Bombardierungen Hamburgs fiel auch das im Jahr 1875 gegründete elterliche Schuhgeschäft zum Opfer. Zugleich nahm der junge Ludwig Görtz auch wahr, wie viel Kraft entsteht, wenn – augenscheinlich – nichts mehr geht. „Damals hat eine kleine Schar von Mitarbeiterinnen nicht gejammert, dass alles in Trümmern liegt, sondern sie haben die Ärmel hochgekrempelt, die Zukunft im Blick gehabt und nicht zurückgeschaut. Sie haben entschieden, es müsse irgendwie weitergehen.“
Dass sein beruflicher Weg im Schuhhandel liegt, daran bestand für Ludwig Görtz nie ein Zweifel: „Man folgt dem Vater. Insofern war meine Karriere vorbestimmt.“ Geebnet war der Weg ins Familienunternehmen allerdings nicht. Nach einer Lehre als Industriekaufmann hatte Görtz zunächst zwei Jahre beim Berliner Filialisten Leiser gearbeitet. Anschließend zog es ihn in die Welt. „Das Hamburger Wappen bedeutet Weltoffenheit“, so Görtz im Gespräch mit schuhkurier anlässlich der Auszeichnung mit dem schuhkurier AWARD im Jahr 2016 – damals war er 81 Jahre alt.
„Der Hamburger Kaufmann, das war die Überzeugung meines Vaters, muss weltoffen sein. Er muss reisen, in fremde Länder gehen und Erfahrungen sammeln. So bin ich dann, sehr frühzeitig auf eigenen Beinen stehend, ins Ausland gegangen und habe mir meinen Weg dort gesucht.“ Er ging nach Genf, um Französisch zu lernen. Von dort aus reiste er nach London, wo er im Schuhhandel arbeitete. Und schließlich erfüllte er sich den Traum, nach Amerika zu gehen. Er suchte sich Arbeit und fuhr mit dem Greyhound-Bus durch Kanada und die Vereinigten Staaten.
1960, mit 26 Jahren, trat der gelernte Kaufmann in die Firma ein. „Es gab kein ’Der neue Chef kommt‘, als ich da war“, erinnerte er sich. „Ich habe mir immer etwas gesucht, was gerade zu tun war.“ Der Junior führte – inspiriert von seinen Erfahrungen in den USA – Computer in der Firmenzentrale ein. Und lernte weiter. Zehn Jahre lang besuchte er – nach oftmals langen Tagen in der Firma – die Abendschule, studierte BWL und Psychologie.
1980 übernahm Ludwig Görtz die Führung des inzwischen deutlich gewachsenen Schuhhandelshauses von seinem Vater Gerd. Dass er viele Ideen immer auch schnell umsetzen konnte, verdanke er der besonderen Kraft, die von einem Familienunternehmen ausgeht, erklärte er: „Man kann lange über Dinge diskutieren. Aber manches muss man eben einfach auch machen.“
Familienunternehmen kommen seiner Überzeugung nach generell schneller zu Entscheidungen – auch zu Risikoentscheidungen. Nur so sei es bei Görtz gelungen, bestimmte Entwicklungen schon früh umzusetzen. So befasste man sich schon Ende der 90er-Jahre mit dem Internet und lancierte einen ersten Onlineshop. 2003 ging die weiterentwickelte Version an den Start. Auch die Definition verschiedener Betriebstypen war ein Novum in der Branche – „das kam bei uns aus dem Ausprobieren“, so der Unternehmer.
„Aus dem Mut, ein nicht eingefahrenes Gleis zu befahren, kommt man zu innovativen Ansätzen und schließlich zum Erfolg“, war der Unternehmer überzeugt. Und er hatte keine Scheu, sich Expertise von außen ins Haus zu holen. Schon 1980 holte er einen Geschäftsführer ins Boot, der nicht zur Familie gehörte.
Das Innovative mit dem Traditionellen zu einem tragfähigen, zukunftsorientierten Ganzen zu kombinieren, war die Motivation von Ludwig Görtz. Neben dem offenen Blick für das Neue war es immer auch die Besinnung auf das Bewährte, die sein Handeln bestimmte.
Nach Jahren des Erfolgs und der Expansion gab es ab 2011 Probleme für das Unternehmen. Nachdem 2010 ein besonders gutes Jahr gewesen war, sei auch er selbst vielleicht zu nachsichtig gewesen und habe den Blick für die Entwicklungen der Branche verloren, sagte der Unternehmer 2016 im Gespräch mit schuhkurier. Zu viel Ware, ein zu hoher Eigenmarkenanteil – der Hamburger Filialist geriet ins Wanken. Ludwig Görtz stand für die Situation gerade, übernahm die Verantwortung und stellte sich den Herausforderungen.
Ludwig Görtz liebte die Branche. Und er liebte Schuhe, vor allem rahmengenähte, edle Modelle aus britischen Manufakturen. Auf die Auszeichnung mit dem schuhkurier-AWARD im Jahr 2016 reagierte er mit Stolz und Rührung. „Dies ist nicht nur der Dank für das, was hinter uns liegt, sondern gleichzeitig auch Verpflichtung, für mich, für die ganze Mannschaft, für viele, die noch kommen: unser Unternehmen weiterzuentwickeln. Nicht stehen zu bleiben. Sondern einen Weg zu finden, der zukunftssicher ist. Das ist die Aufgabe der jetzigen und künftigen Generationen.“