Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in einer Führungsrolle im Schuhbusiness gemacht?
Zunächst überwiegen viele tolle Momente, Meilensteine und Erfolge. Die Möglichkeit mit dem Team etwas zu bewegen, zu verändern und zu transformieren, ist faszinierend. Ich schätze die Identifikation mit dem Produkt Schuh und unserer Branche. Ich hatte in meiner Entwicklung nur männliche Rolemodels und daher in anderen Branchen und Lebensbereichen nach weiblichen Rolemodels geblinzelt. Mit Wille, Ausdauer und Leidenschaft gibt es in unserer Branche viele Möglichkeiten. Dass mir als Mutter und mit flexiblen Arbeitszeiten das Vertrauen in eine Führungsaufgabe in der Vergangenheit geschenkt wurde und auch in meiner neuen Aufgabe wieder entgegengebracht wird: dafür bin ich sehr dankbar.
Gab es Momente, in denen Sie den Eindruck hatten, Sie müssten als Frau besonders kämpfen und überzeugen?
Ja, ich habe auch schon eine Position nicht bekommen, weil ich das falsche Geschlecht hatte. Es gab Bemerkungen wie „Ist das ihre Assistentin?“, obwohl ich Geschäftsführerin war. Männer und Frauen kommunizieren unterschiedlich. Als Frau muss man sich häufiger beweisen und mehr Leistung bringen, um anerkannt zu werden.
Führen Frauen anders als Männer?
Ich kann nicht beurteilen, ob ich einen anderen Führungsstil im Vergleich zu einem Mann habe – dass sollten andere beurteilen, jedoch glaube ich, dass ich eine sehr gute Intuition für Mitarbeitende habe, sehr vorausschauend Projekte und Aufgaben angehe und sehr gut Teams und Abteilungen zusammenbringen kann. Darüber hinaus bringe ich Struktur, Analyse und Durchsetzungsstärke mit.
Was muss geschehen, damit mehr Frauen in der Schuhbranche Führungspositionen einnehmen?
Wir benötigen weibliche Rolemodels! Wir benötigen Mentoren und Coaches, um das Selbstvertrauen und den Selbstwert der Frauen zu stärken. Das Impostor-Syndrom der Frauen muss abgelegt werden. Wir benötigen Frauen, die bereit sind, mit Leidenschaft Verantwortung zu übernehmen. Und Entscheider, die an Frauen glauben, ihnen Vertrauen schenken und sich flexible Arbeitszeitmodelle vorstellen können. Aufgrund des Fachkräftemangels und der geforderten Diversität werden Frauen zukünftig auch stärker eingesetzt werden „müssen“.
Yvonne Breinlinger-Scheuring – zur Person
44 Jahre alt, Vertriebsleiterin bei Solidus, später Geschäftsführerin des Schuhherstellers in Tuttlingen. Seit 1. Oktober 2023 Geschäftsführerin der ANWR Schuh GmbH. Parallel ist sie als Coachin tätig.