Es hört sich einfacher an, als es ist: neu denken. Nicht mehr und nicht weniger ist jedoch die Aufgabe, vor der die Branche heute und in der Zukunft steht. Das geht nicht nebenbei und schon gar nicht in der ruhelosen Hektik des Tagesgeschäfts. Neu denken. Das bedeutet, schonungslos Altes und Bewährtes in Frage zu stellen und konsequent nach frischen Ansätzen zu suchen. Diese lieferte unlängst der Deutsche Handelskongress in Berlin. Auch unbequeme Meinungen wurden hier offen ausgesprochen. Etwa bezogen auf die verbreitete Ansicht, dass der Mensch ein soziales Wesen sei und daher quasi von seiner Natur ferngesteuert auch künftig im stationären Handel kaufen werde – weil es hier doch so viele bereichernde zwischenmenschliche Begegnungen zu erleben gibt. Die Frage muss erlaubt sein: Ist das so? Bleibt das so? Wollen das wirklich alle Kunden? Pauschalierungen führen sicher nicht zum Ziel.
Die Kehrseite der sozial begründeten Ablehnung der neuen Kaufgewohnheiten ist die Technikhörigkeit. Ein Allheilmittel ist jedoch die Ausstattung der Verkaufsfläche mit technischen Gimmicks nicht. „Wenn man denkt, man hat ein Storedesign und nun plant man ein paar Screens dazu – dann ist das Projekt schon gescheitert“, heißt es etwa bei den Experten von Blocher Blocher. Technik um der Technik willen führt nicht weiter. Vielmehr gilt es, den Store tatsächlich mit der Online-Welt zu verknüpfen. Schließlich verbinden auch die Kunden in ihrem Konsumverhalten on- und offline. Das hört sich im ersten Moment sehr einfach an – ist in der konkreten Umsetzung jedoch äußerst komplex.
Amazon macht Milliarden mit dem erklärten Ziel, den Kunden das Einkaufen so einfach wie möglich zu machen. Ob Windeln oder Winterstiefel, ist dabei zweitrangig. Den Kunden geht es um die Befriedigung von Bedürfnissen. Mit einem Klick. Das erfordert Geschwindigkeit. Amazon investiert jedes Jahr Milliarden, um noch schneller zu werden. Unter anderen Vorzeichen steht auch die Schuhbranche – und hier in erster Linie die Industrie – vor einer ganz ähnlichen Aufgabe. Verbrauchern, die auf ihrem Smartphone täglich wechselnde Style-Vorschläge angezeigt bekommen, ist schwer zu vermitteln, dass ihnen im stationären Handel sechs Monate lang ein und der gleiche Schuh präsentiert wird. Hier für mehr Frische zu sorgen, ist zweifellos eine Herkulesaufgabe, die nur durch neue Prozesse auf Seiten der Hersteller und mehr Verpflichtung und Verlässlichkeit des Handels gelingen kann. Doch wie groß die Herausforderuung auch ist – unsere Branche kann es sich mittelfristig nicht erlauben, diese Themen auf die lange Bank zu schieben. Andere Marktteilnehmer befinden sich bereits auf der Überholspur.
Vieles dreht sich in der Branche aktuell um Technik, Digitalisierung und Logistik. Ohne Frage wichtige Themen. Dabei, so scheint es manchmal, geraten jedoch wesentliche Fragestellungen unter die Räder: Was sind in Zukunft die primären Aufgaben des Handels? Was wollen die Kunden? Und: wie schaffen wir es, neu zu denken?
Kommentar aus schuhkurier Ausgabe 48/2016