Die Debatte über kulturelle Aneignung in der Modebranche erhält neuen Zündstoff: Laut einem Bericht des US-amerikanischen Fachmediums Footwear News hat Prada bestätigt, dass das neue Sandalendesign des italienischen Luxushauses von Indiens berühmten Kolhapuri-Chappals inspiriert sei. Diese traditionellen, handgefertigten Lederschuhe aus der Region Kolhapur in Maharashtra zeichnen sich durch eine charakteristische Zehenschlaufe und geflochtene T-Riemen aus.
„Wir erkennen an, dass die Sandalen von traditionellem indischen handgefertigtem Schuhwerk inspiriert sind, das auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickt“, erklärte Lorenzo Bertelli, Leiter des Bereichs soziale Verantwortung bei Prada, in einem Schreiben an die Handelskammer von Maharashtra.
Zuvor hatte die Kammer Beschwerde eingereicht, da die auf Pradas Laufsteg in Mailand gezeigten Modelle nahezu identisch mit der indischen Vorlage seien. „Die Kollektion enthält Schuhdesigns, die eine enge Ähnlichkeit mit Kolhapuri-Sandalen aufweisen, einer traditionellen handgefertigten Ledersandale, die 2019 von der indischen Regierung mit einem geografischen Herkunftsschutz ausgezeichnet wurde,“ betonte Kammerpräsident Lalit Gandhi.
Kolhapuri-Sandalen haben eine Geschichte, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht. Sie kosten in Indien rund 12 Dollar (14 Euro), während Pradas Modelle über 800 Dollar (942 Euro) kosten. Diese Preisunterschiede und die fehlende Anerkennung des Ursprungs sorgten in Indien für große Empörung. „Indische Kunsthandwerker verlieren, während globale Marken mit unserer Kultur Kasse machen,“ kritisierte Harsh Goenka, Chef des indischen Mischkonzerns RPG Group.
Mit wachsender medialer Aufmerksamkeit stiegen auch die Proteste. „Von den staubigen Gassen Kolhapurs bis zu den glitzernden Laufstegen Mailands … wann wird die Welt endlich die Anerkennung geben, die sie schuldet?“ fragte das indische Nachrichtenportal DNA auf X. Gandhi forderte Prada auf, über Wege der Zusammenarbeit oder fairer Entlohnung für indische Kunsthandwerker nachzudenken.
Prada zeigte sich offen: Bertelli sagte, die Sandalen befänden sich noch im „frühen“ Designstadium, man sei jedoch bereit für einen „Dialog über einen sinnvollen Austausch mit lokalen indischen Kunsthandwerkern“.
Dhanendra Kumar, früherer Weltbank-Direktor, sieht in der Problematik ein strukturelles Ungleichgewicht: „Obwohl indische Kunsthandwerker und kleine Hersteller in ihrer Handwerkskunst hervorragend sind, fehlt ihnen oft der Zugang zu Kapital oder unternehmerischem Know-how, um ihre Produkte weltweit als Luxusgüter zu positionieren.“ Kumar kritisierte weiter: „Indem Prada seine neue Sandalenlinie nicht ‚Kolhapuris‘ nennt, macht sich das Unternehmen der Monetarisierung kultureller Aneignung schuldig.“
Doch es könnte auch eine positive Wendung geben: „Bislang galten sie nicht als Teil des ‚coolen‘ oder erstrebenswerten Segments im indischen Luxusmarkt … Ich glaube fest an die Wellenwirkung dessen, was Prada ausgelöst hat,“ sagte Shirin Mann, Gründerin des Labels Needledust. Seit der Show verzeichnen Google Trends steigende Suchanfragen nach Kolhapuri-Sandalen, und lokale Händler berichten von wachsendem Interesse, wie indische Medien melden.