Fast schon ganz selbstverständlich: Zwei Mal im Jahr, Ende Januar und Anfang Juli, pilgert die internationale Modewelt nach Berlin. Parallel zu den Laufsteg-Schauen der Fashion Week lockt die Premium inzwischen knapp 900 Marken mit mehr als 1.400 Kollektionen in die Station am Gleisdreieck und zählt mehr als 60.000 Fachbesucher.
Berlin hat sich innerhalb weniger Jahre als internationaler Trendsetter etabliert. Hier kann man die neuen Kollektionen sehen, noch bevor sie anderswo gezeigt werden. Und man kann sie ordern. Was eigentlich logisch klingt, ist in Wahrheit eine kleine Revolution, denn üblicherweise liegen Modenschauen und Order-Messen zu unterschiedlichen Terminen, die nochmal in Herren, Damen, Sportswear und Accessoires aufgeteilt sind. Einkäufer müssen also ständig den Kollektionen hinterherreisen, Berlin hingegen bietet alles unter einem Dach.
Dass diese Idee nicht funktionieren könne, glaubten viele, als Anita und Norbert Tillmann ihr Konzept für eine neue Modemesse entwickelten. Schließlich waren alle Versuche, das Mode-Business in Berlin wiederzubeleben, seit den 80er Jahren kläglich gescheitert. Berlin hatte Kreativität und Lifestyle zu bieten, die Geschäfte wurden in Düsseldorf und München gemacht. Von daher ist es vielleicht der größte Erfolg der Premium-Macher, dass es ihnen gelungen ist, das Potential der Stadt zu erkennen und eine Plattform zu schaffen, die Kreativität, Emotionalität und Professionalität vereint.
Von daher war nur konsequent, dass auch dass Konzept für die Berlin Fashion Week aus der Feder der Premium-Macher stammt. Zudem etablierten sie regionale Premium-Ableger in Düsseldorf und München mit einer klaren ‘Arbeitsteilung’: Während die Messe in Berlin in erster Linie der modischen Orientierung dient und das internationale Publikum anzieht, steht auf den Veranstaltungen in München und Düsseldorf das Ordern im Fokus.
Zwei wie Soft und Hardware
Dass sie eine Vision haben, wird ziemlich rasch klar, wenn man die Macher der Premium persönlich trifft. Das Einzige was Anita und Norbert Tillmann auf den ersten Blick gemeinsam haben, ist ihr Nachname – und das übrigens rein zufällig.
Die agile Anita, die ständig vor Ideen übersprudelt und nie stillsitzt und der stets gelassene blonde Norbert sind ein ideales Business-Paar. Bei der Premium kümmert sich Anita um Kommunikation und Strategie, Norbert um Finanzen und Geschäftsführung. “Wir sind wie Soft- und Hardware, aber Entscheidungen treffen wir gemeinsam”, sagt Anita Tillmann, “außerdem sind wir beide nicht die typischen Messebetreiber.” Das mit Sicherheit nicht. Messebetreiber verkaufen Quadratmeter, die Premium-Macher eine Idee.
Gemeinsam ist ihnen neben der Mode-Begeisterung die Überzeugung, das Richtige zu tun.” Das Maß meiner Dinge ist Nachhaltigkeit – in dem Sinne, das ich etwas in Bewegung setzten möchte, das Bestand hat und nachwirkt, vielleicht sogar über meinen eigenen, persönlichen und unternehmerischen Bereich hinaus”, erklärt Anita Tillman ihren Antrieb. “Wir brauchen Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen, nicht nur im Umgang mit Ressourcen sondern auch im Umgang mit Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Kunden. An schnellen Erfolgen bin ich nicht interessiert, mir geht es um den Aufbau von Strukturen, die Bestand haben. Nachhaltiger Erfolg kann nur durch langfristige Strategien in allen Bereichen eines Unternehmens erreicht werden. Dazu zählen, neben Investitionen und Kooperationen, vor allem auch soziale Netzwerke, Mitarbeiterförderung und Teamwork, die nur durch Ehrlichkeit und Wertschätzung funktionieren können. Junge Talente aus den verschiedensten Branchen sind bei uns herzlich willkommen, und wir geben uns große Mühe, sie in ihrer Kreativität und Entwicklung zu unterstützen.”
Chance für den Nachwuchs
“Die Premium ist nicht Masse, sondern Perfektion,” ergänzt Nobert Tillmann. Dazu gehört, dass die Aussteller jede Saison passend zum Profil der Messe neu kuratiert werden, die Mischung macht die Premium so einzigartig. Stars der Branche präsentieren sich hier neben jungen Labels, Accessoires neben Denims, Progressive Sportswear neben klassischen Herrenkollektionen. Unter diesem Aspekt betreiben sie auch ihren Fashion Store F95.
Auch für Nachwuchsförderung setzen sich die Premium-Macher ein. Seit 2005 wird der ‘Premium Young Designers Award’ verliehen, der sich für die Gewinner direkt auf den Erfolg des Labels auswirkt. “Wir glauben an den Nachwuchs”, sagen Anita und Norbert Tillmann. Daher rufen sie im Januar 2009 die Seek ins Leben. Hier stellt eine Auswahl progressiver Designer und Brands aus den Bereichen Jugendkultur, Musik und Kunst aus. Mit großem Erfolg! Heute präsentiert die Seek um die 80 sorgfältig ausgewählte Brands auf drei Etagen.
Einer der Gründe für den Erfolg des Unternehmens ‘Premium’ liegt sicher in der Persönlichkeit ihrer Macher. Dass Anita und Norbert Tillmann keine Angst haben, in großen Dimensionen zu denken und sie auch das Risiko nicht scheuen, zeigten sie, als sie 2007 den ehemaligen Dresdner Bahnhof kauften, einst der größte Paket-umschlagplatz Berlins. Die riesigen Hallen am Gleisdreieck und in unmittelbarer Nähe des Potsdamer Platzes haben sich heute als Veranstaltungsort für Messen, Galas und Kongresse etabliert. Um Ideen wirklich umzusetzen, braucht man eben nicht nur Querdenker, sondern Quermacher.