Gerade Schuhhersteller haben in ihrem Netzwerk viele Lieferanten, die wiederum mehrere weitere Ebenen an Lieferanten haben. Das CSDDD der Europäischen Union erwartet, die Lieferkette über all diese Ebenen durchleuchten zu können. Dabei könne Retraced laut dem Gründer helfen: „Es geht darum, nicht nur die direkten Zulieferer einer Marke anzubinden, sondern auch deren indirekte Zulieferer. Das können 1.000 Anbieter sein, die das Unternehmen teilweise selbst noch nicht kennt.“ Die technische Lösung einer Plattform reiche allein nicht: Basis für transparente Lieferketten sind operative Abläufe. Dass diese schwierig zu etablieren sind, zeigt das Beispiel Vaude. Der Hersteller habe laut seiner Mitteilung ein Jahr gebraucht, die Supplier darauf vorzubereiten, bis die Plattform genutzt werden konnte. Lukas Pünder fasst zusammen, was alles dazu gehört: „Die Supplier brauchen einen klaren Überblick über ihren Input und Output, der durch präzise aufgesetzte Prozesse und sorgfältige Protokollierung erreicht wird. Diese Strukturen müssen zunächst eingeführt und erprobt werden, damit der Informationsfluss in der Lieferkette nicht ins Stocken gerät.“
Netzwerk und Vertrauen
Zwei Dinge sollen dabei helfen, den Prozess zu erleichtern. Zum einen setzt Retraced auf den Netzwerk-Effekt. Die Daten der Zulieferer können von allen Herstellern gleichermaßen genutzt werden, erklärt Pünder: „Wir sind ein Multi-Tenant-Network. Das heißt, dass alle Unternehmen auf einer Plattform arbeiten und auch zusammenarbeiten können. Marken können mit dem Datenschatz derer arbeiten, die schon auf der Plattform sind, wenn sie ihre Daten teilen wollen.“ Wenn ein Hersteller mit Retraced arbeitet und ein Zulieferer schon über einen anderen Hersteller auf der Plattform angebunden ist, wird die doppelte Arbeit gespart. Das soll auch für die Zulieferer den Ansporn erhöhen, die Prozesse umzustellen, so der Unternehmensgründer: „Wenn ein Zulieferer weiß, dass er mit mehreren Schuhherstellern arbeitet, kann er den Datensatz einmal hochladen und direkt mit allen Herstellern teilen. So spart er sich viel manuelle Kommunikation. Je mehr Verknüpfungen auf der Plattform entstehen, desto stärker ist dieser Netzwerk-Effekt.“ Gleichzeitig ist es für potenzielle Neukunden attraktiver, wenn ein großer Teil der Zulieferer nicht erst noch manuell angebunden werden muss. Zurzeit kommen jeden Monat 500 bis 1.000 Zulieferer hinzu. Bis Ende nächsten Jahres erhofft sich das Unternehmen 30.000 Zulieferer auf der Plattform.
Zum anderen will Retraced dabei helfen, die Zulieferer besser anzusprechen. Denn der Gründer stellt fest: „Um meine Zulieferer auf die Plattform zu bekommen, muss ich als Modeunternehmen Vertrauen schaffen. Schließlich erwarte ich, dass sie sensible Daten mit mir teilen. Dieses Vertrauen entsteht über klare Kommunikation, am besten in der jeweiligen Muttersprache, von der ersten Vorstellung über das Onboarding bis hin zur Kundenbetreuung.“ Um die Supplier besser ansprechen zu können, versucht Retraced, kulturelle und sprachliche Hürden zu überwinden. Das Unternehmen hat Büros in Mexiko und China. Den Kundensupport gibt es mittlerweile in 25 Sprachen, darunter europäische, indische und chinesische. Zum Teil bietet Retraced auch Schulungen mit Best Practices für Supplier an, wie die Prozesse für mehr Transparenz eingehalten werden können. Insgesamt arbeiten über 70 Menschen bei Retraced. Aus China sind auch Zulieferer selbst zu Kunden geworden, die die Plattform wie Hersteller nutzen und ihrerseits einen Überblick über ihre Lieferkette behalten wollen. Während die meisten
Kunden zurzeit aus Deutschland kommen, wächst der chinesische Markt ebenso wie der US-amerikanische aktuell schneller.