Das Unternehmen am Selterstor im Herzen Gießens, 1933 gegründet und heute in dritter Familiengeneration geführt, ist mit einem 23-köpfigen Team und großer Leidenschaft für die Kundinnen und Kunden da. Die Entscheidung, das Haus zu schließen, sei wohl überlegt getroffen worden. So erklärt es Geschäftsführer Heinz-Jörg Ebert in einer persönlichen Mitteilung, die schuhkurier vorliegt.
Er sehe Chancen für die Gießener Innenstadt – trotz der derzeitigen Leerstände, so formuliert es Ebert. Und er habe als Händler auch an der Gestaltung mitgewirkt und sein Haus immer weiter entwickelt. „Und dennoch: wir mussten Jahr für Jahr feststellen: Für ein familiengeführtes Stand-Alone-Schuhgeschäft auf einer Verkaufsfläche von 800 qm inklusive großem Untergeschoss und einer insgesamt zu bewirtschaftenden Fläche von 1.800 qm wurde es Jahr für Jahr, Monat für Monat unwirtschaftlicher. Ein Drauflegegeschäft mit Herzblut. Und so muss man, bei aller Leidenschaft, als verantwortungsvoller Unternehmer Entscheidungen treffen, auch wenn sie noch so weh tun.“
Ebert, 64 Jahre alt, habe sich zuletzt immer wieder schwierige Fragen stellen müssen: „Was passiert, wenn mir morgen etwas passiert? Wer wickelt das alles ab? Wer kümmert sich darum, wie und wo unsere MitarbeiterInnen unterkommen? Welche Schritte müssen vorbereitet werden?“
Die Kinder der Händlerfamilie hätten sich entschieden, eigene berufliche Wege zu gehen. „Es wäre unverantwortlich, es einfach alles laufen zu lassen, bis ich nicht mehr agil genug bin, die richtigen Weichen in einer sich rasch verändernden Handelswelt zu stellen“, so der Händler. Auch seine Eltern (beide 88) würden dies spüren – und sie tragen die Entscheidung Eberts mit.
Das Haus blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Das Gründerpaar Emmi und Edmund Darré führte das Unternehmen während Nazi-Zeit und Krieg, mit Totalzerstörung und dem erfolgreichen Wiederaufbau. Ab Anfang der 60er-Jahre übernahmen Gerd und Marianne (geb. Darré) Ebert das Schuhhaus und entwickelten es weiter. Sie meisterten den Wechsel vom Salamander-Alleinverkauf zu einem spannenden Markenmix, stellten das Konzept zu einer Modellvorwahl um und führte EDV ein. Anfang der 90er-Jahre kam mit Heinz-Jörg Ebert und seiner Schwester Steffi sowie später Eberts Ehefrau die nächste Generation ans Ruder. Und hatte mit neuen Herausforderungen zu kämpfen, von den Fachmärkten auf der Grünen Wiese bis hin zu Shopping Mals und E-Commerce. Die Schuhhändlerfamilie engagierte sich zusammen mit anderen Händlern aus ganz Deutschland im Hinblick auf Innovation, von Eigenmarken bis hin zur Digitalisierung. Dabei blieb Darré seinem Standort immer treu und ging nicht den Weg der Expansion.
Im Jahr 2006 wurde das Schuhhaus Darré mit dem schuhkurier AWARD als bester Händler ausgezeichnet. 2016 folgte ein umfangreicher Umbau mit Modernisierung des Geschäfts.
Im Mai 2018 wurde das Schuhhaus von einem großen Unwetter heimgesucht. Kinder- und Herrenabteilung samt Lager standen unter Wasser. Es folgte eine monatelange Sanierung. Dann kam Corona. „Wieder ging’s an die Substanz“, so umschreibt es Ebert. Es folgte der umstrittene Verkehrsversuch zur Optimierung des Radverkehrs in Gießen, der nach kurzer Zeit beendet und dann rückgebaut wurde – mit verheerenden Folgen für die Frequenz. Und schließlich trennte eine große Baustelle in direkter Nachbarschaft des Schuhhauses das Unternehmen fast zwei Jahre vom Rest der Einkaufsstraße ab. Parallel wurde Fernwärme verlegt – und im Oktober 2024 folgte ein Hacker-Angriff auf das Unternehmen mit schwerwiegenden Folgen. „Das Resultat: seit Jahren (mit ganz wenigen Ausnahme-Monaten) jeden Monat Minuszahlen, die wir nicht mehr kompensieren können“, so schreibt es Heinz-Jörg Ebert.
Steigende Kosten und ein Mehraufwand für Bürokratie gingen mit sinkenden Umsätzen einher. Bemühungen um einen Nachfolger aus der Branche oder dem Textilbereich seien erfolglos geblieben. „ Was wir als Vorteil sahen, und was uns seit Jahren geprägt hat, erwies sich sogar als Nachteil: ich selbst. Das Haus Darré steht für wertige Schuhe und seit einigen Saisons auch für Textil. Aber es steht auch für Persönlichkeit, jahrelange Kundenbindungen – 30.000 Kunden allein sind mit der Darré-Persönlichkeits-Card ausgestattet – und einer Verbindung mit meiner, in Gießen fest verankerten, Person“, so Ebert. Das hohe Engagement auch im kulturellen Bereich, wodurch das Schuhhaus dank zahlreicher Abendveranstaltungen zu einem Publikumsmagnet wurde, hätten sich mögliche Nachfolger nicht zugetraut – und ausschließlich mit normalen Öffnungszeiten wäre das Unternehmen nicht profitabel weiterzuführen gewesen. „Ich habe immer gehofft, dass das bei einem Filialisten durch seine zentrale Steuerung oder seine enormen Einkaufsvorteile aufgrund seiner Mengen wettgemacht werden könnte. Aber das, was wir in all den Jahren auf die Beine gestellt haben, scheint doch ein erstaunliches Gewicht zu haben“, so Ebert. Im übrigen hätten infrage kommende Filialisten inzwischen selbst geschlossen. Und darüber hinaus habe sich bislang niemand an die Übernahme des Traditionshauses herangetraut.
„Bei all meinem stets positiven Chancendenken: Ich sehe nach all den Konsultationen innerhalb unserer Branche für ein so großes Haus einfach keine Perspektive im Schuhhandel mehr. …bleibe aber natürlich offen, wenn doch noch jemand anklopft“, sagt Ebert. „Wir haben für unsere Branche einen enormen Stammkundenanteil – aber die Älteren sterben leider aus oder können nicht mehr kommen, und die Jungen ziehen nicht nach. Das Umland bleibt im Umland. Unsere Fabrikanten – sofern es sie überhaupt noch gibt – beliefern uns teilweise nicht mehr, weil sie lieber auf kleine Flächen (Boutiquen) gehen, oder machen eigene Shops.“
Nun werde er alles daran setzen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab dem 1. Januar 2026 in andere Unternehmen zu vermitteln. Bis dahin wolle man gemeinsam „alles geben“. Das Unternehmen habe voll für H/W eingekauft und werde „modisch vollends performen“. Es seien zahlreiche Veranstaltungen geplant. Und am 31. Dezember wolle man die Türe schließen „und mit Stolz auf eine Ära zurückblicken“.
Für die drei Etagen umfassende Fläche in der in Familienbesitz befindlichen Immobilie werde man neue Mieter suchen. „Ich möchte hier einen Platz schaffen, der wunderbar zum Seltersweg und natürlich zum neuen Nachbarn – der Universitätsbibliothek – passt, Magnet wird, und wertig und lebendig für die Zukunft der Gießener Innenstadt wirkt.“ Für Projektideen sei er offen, so der Händler.