Auf der Micam sprach Alessandro Bracalente, Sohn des Firmengründers, über Markenaufbau, Service-Strategie und den geplanten Generationswechsel bei Nero Giardini.
16.03.2026
Petra Steinke
3 Minuten
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Die Internationalisierung steht für den italienischen Schuhhersteller Nero Giardini ganz oben auf der Agenda – und dabei spielt Deutschland eine wichtige Rolle. Auf der Micam in Mailand (22. bis 24. Februar) zeigte sich Alessandro Bracalente mit dem Messeverlauf zufrieden: „Wir sind happy: Es läuft sehr gut“, sagte der Geschäftsführer am zweiten Tag der Micam im Gespräch mit schuhkurier. Vor allem die internationale Frequenz stimme optimistisch. „Der Hauptgrund, warum wir auf der Micam sind, sind nicht in erster Linie die italienischen Händler, sondern vor allem Unternehmen aus dem Ausland, aus Europa und auch außerhalb Europas. Deren Zahlen steigen, wir sind sehr positiv gestimmt und glücklich darüber, wie es läuft.“
Deutschland als strategisches Ziel
Ein Markt steht für Nero Giardini besonders im Zentrum der Strategie: Deutschland. „Mein Vater hat sein gesamtes Geschäftsleben damit verbracht, Deutschland als wichtigen Markt aufzubauen“, sagt Bracalente. Und das war durchaus erfolgreich: Es gibt Showrooms im deutschen Markt, die Marke stellt auf regionalen und Verbundgruppen-Messen aus; erfahrene Ansprechpartner sind für den Handel da. Für Alessandro Bracalente geht es nun um den nächsten Schritt: „Was uns noch fehlt, ist der Step hin zur Marke. Als solche wollen wir bei den Konsumentinnen gesehen werden. Und zugleich wollen wir für den Handel stärker zum Partner werden. Daran arbeiten wir intensiv und sind permanent dabei, unsere Support-Leistungen und Services weiter zu verbessern“, so Bracalente.
Support und Services
Das umfasst einerseits die Produktqualität. Der Geschäftsführer ist überzeugt, dass diese maßgeblich für die tradi- tionell geringen Retourenquoten sei. Darüber hinaus geht es um Logistik, Nachorderfähigkeit und Marketingunterstützung für die Händler. Ein Kernstück dieser Strategie ist das B2B-System des Unternehmens. „Wir haben eine B2B-Plattform aufgebaut, aber auch eine ganz eigene Art, diese zu steuern“, erläutert Bracalente. Mehr als 200 SKUs seien permanent verfügbar. Und was nicht lagernd sei, könne binnen zehn bis 15 Tagen geliefert werden. Ziel sei es, das Risiko für den Handel zu reduzieren und während der Saison flexibel zu reagieren. „Unsere Mission ist es, den Kunden zu helfen, bessere Saisons zu erreichen, das Risiko zu minimieren und den Lagerbestand zu reduzieren.“ Dabei setzt das Unternehmen bewusst auf ein Modell mit frühen, kleineren Einstiegsorders und gezielter Nachsteuerung. „Wenn ein Style läuft, läuft er. Wenn ein Händler diesen weiter ordert, kann er Geld verdienen“ – so lautet die simple Botschaft von Nero Giardini. In Italien werde dieses System bereits intensiv genutzt, Abverkaufsquoten von bis zu 80 oder 90 % seien möglich.
Nero Giardini, H/W 2026/27
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Nicht nur Schuhhersteller, sondern Marke
Parallel arbeitet die zweite Generation intensiv am Markenauftritt von Nero Giardini. „Wir müssen ehrlich sein. Nero Giardini ist eine der stärkeren Schuhmarken – aber vor allem in Italien“, sagt der Sohn des Firmengründers. International soll sich das ändern. Ziel sei es, nicht nur als Produzent wahrgenommen zu werden, sondern als eigenständige Brand: „Wir wollen nicht einfach ein Schuhhersteller sein, sondern eine Marke.“ Dazu gehört eine neue Bildsprache. Es gebe „eine neue Art der Fotografie, moderner und jünger“. Ebenso werde an Marketing und Storytelling gearbeitet. In der Vergangenheit habe es keine klar erkennbare Kampagne gegeben; das soll sich nun ändern. Künftig gehe es weniger um Rabattaktionen als um Dialog und Markenbindung. Man wolle „stärker mit den Menschen in den Dialog treten. Mit den Menschen, die unsere Schuhe kaufen“, so beschreibt es Alessandro Bracalente. Auch der Handel soll davon profitieren: Bildmaterial und Content stehen über die Plattform zur Verfügung, hinzu kommen Aktionen wie ein Wettbewerb unter italienischen Händlern für das beste Schaufenster. Der Gewinner wird zu einer Reise an den Firmensitz eingeladen – ein Format, das künftig auch in Deutschland angeboten wird.
Positionierung im Markt
Modisch sieht Bracalente aktuell einen klaren Trend: „Wir sehen, dass die Menschen wieder häufiger klassische oder elegante Schuhe kaufen.“ Der Shift weg vom reinen Sneaker-Geschäft hin zu angezogener Mode sei deutlich spürbar. Dem Geschäftsführer gefällt das: Gerade im Sneaker-Segment sei der Wettbewerb stark, während Nero Giardini mit Lederqualität und „Made in Italy“-Anspruch punkten könne. Und auch mit soliden Preislagen, die der Positionierung des Fachhandels entsprechen: Diese bewegen sich im Damenbereich zwischen rund 150 Euro für Sneaker und bis zu 240 Euro für Boots, mit einem Schwerpunkt im Bereich von 180 bis 200 Euro. Produziert wird in Italien; die Ober- und Futtermaterialien stammen aus italienischen Gerbereien.
Generationswechsel in Etappen
Neben der Internationalisierung prägt der Generationswechsel die strategische Ausrichtung. Alessandro Bracalente (37) verantwortet seit einem Jahr den europäischen Markt, sein Vater Enrico bleibt stark im italienischen Markt und in der Kollektions- arbeit engagiert. Auch Alessandros Schwester Gloria ist mit in der Geschäftsführung tätig. Einen festen Zeitplan für die Übergabe gebe es nicht: „Wir werden einen natürlichen Prozess erleben, step by step“, sagt Alessandro Bracalente. Konfliktpotenzial, wie man es gelegentlich wahrnimmt, wenn zwei Generationen in einem Unternehmen Verantwortung haben, gebe es, das gibt Alessandro Bracalente zu. „Aber ups and downs sind in einer Familie ganz normal. Das Wichtigste ist, dass man ein gemeinsames Ziel hat und dieses konsequent verfolgt.“ Unterschiedliche Generationen bedeuteten immer auch unterschiedliche Perspektiven, und genau darin liege die Chance: „Es gibt so viele Firmen, die auf eine lange Tradition zurückblickten und viele Jahre sehr erfolgreich waren – und trotzdem aus dem Markt verschwunden sind. Darum bin ich glücklich damit, dass wir als Familie gemeinsam Nero Giardini in die Zukunft führen.“ Diese soll von weiterem Wachstum geprägt sein: „Wir wollen in Europa, aber auch in Ländern wie den USA und Japan eine echte Marke werden“ – das ist das Ziel der Unternehmerfamilie.