Das Weihnachtsgeschäft gilt traditionell als Schlüsselmoment für den Einzelhandel – fast ein Fünftel des Jahresumsatzes wird in diesen Wochen erzielt. Doch in diesem Jahr trübt sich die Bilanz deutlich ein: Zwei Drittel der Händler zeigen sich laut Handelsverband HDE unzufrieden. Einer der Hauptgründe: der zunehmende Erfolg chinesischer Online-Plattformen wie Temu und Shein.
Wie das Nachrichtenportal NTV berichtet, sieht Julia Thalmann, Professorin für Handel und E-Commerce an der Hochschule Ruhr West, hier eine steigende Tendenz. Viele Verbraucher hätten die Plattformen fest als Einkaufsalternative verankert – trotz häufiger Kritik an Qualität und Sicherheit.
Besonders in Zeiten knapper Haushaltsbudgets werde der Preis zum entscheidenden Faktor. Wenn budgetäre Zwänge dominieren, werde der Preis zu einem äußerst wirksamen Hebel, argumentiert Thalmann. Laut HDE könnten Temu und Shein allein im November und Dezember bis zu eine Milliarde Euro umsetzen – Umsätze, die dem deutschen Handel entgehen.
Die Reichweite der Plattformen wächst rasant: Shein rangiert bereits auf Platz sieben der deutschen Onlineshops. Temu schoss mit einem vervierfachten Bestellwert von 3,4 Mrd- Euro auf Rang fünf unter den Marktplätzen. Dabei setzen die Plattformen auf psychologische Kaufanreize wie Gamification, personalisierte Angebote und permanente Rabatte.
Auch die Logistik hat sich verbessert: Die Lieferzeiten sind deutlich kürzer geworden. Zwar seien Rücksendungen nach China aufwendiger, doch das nehme ein Großteil der Kunden offenbar in Kauf.
Die EU plant nun, bereits im kommenden Jahr Zölle auf Billigsendungen unter 150 Euro zu erheben – zwei Jahre früher als ursprünglich vorgesehen. Doch Thalmann zeigt sich skeptisch: Die Erfahrung zeige, dass internationale Anbieter schnell Wege finden, regulatorische Anforderungen zu umgehen oder über alternative Logistikrouten zu kompensieren, erklärt Expertin Thalmann.
Zudem drohen klassische Stärken des stationären Handels zu verblassen. „Der ursprüngliche Gedanke, dass Händler Waren kuratieren und Qualitätsstandards sichern, verliert im Kontext hypergünstiger Onlineangebote an Sichtbarkeit“, warnt die Expertin auf NTV. Skandale wie Schadstoffe in Produkten oder der Verkauf fragwürdiger Artikel hätten bisher kaum langfristige Auswirkungen auf das Konsumverhalten.
Besonders paradox: Gerade junge Verbraucher, die sich laut Thalmann stärker für Nachhaltigkeit interessieren, gehören zur Kernzielgruppe von Temu und Shein.