Herr Leinweber, in Ihren Schuhgeschäften können Konsumentinnen und Konsumenten seit Anfang April beim Bezahlen über das Kassensystem Trinkgeld geben, ähnlich wie in der Gastronomie. Warum haben Sie sich zu diesem Schritt entschieden?
Marc Leinweber: Wir haben das Thema schon länger diskutiert. Es gehörte zu den Dingen auf unserer To-Do-Liste, an die sich niemand herangetraut hat. Wir haben dann entschieden: Einer muss der erste sein – wir machen das. Wir sind im vergangenen Jahr an unseren Zahlungsdienstleister herangetreten. Dieser hat die Option zwar für Gastronomiebetriebe, nicht aber für den Handel im Angebot. Das System musste für unsere Geschäfte also programmiert werden. Dabei waren unter anderem steuerrechtliche Themen zu beachten: Wir wollten sicherstellen, dass das Trinkgeld 1:1 steuer- und abgabenfrei an unsere Mitarbeitenden ausgezahlt wird. Im Herbst ist eine Testphase in sieben ganz unterschiedlichen Filialen gestartet.
Wie war die Resonanz bei den Mitarbeitenden und bei den Verbrauchern?
Die Mitarbeitenden waren von Anfang an positiv gestimmt – das ist auch nachvollziehbar, schließlich kommt ihnen das Trinkgeld zugute. Bei den Endverbrauchern sehen wir einen ganzen Blumenstrauß an Reaktionen. Das reicht von „Wieso jetzt auch im Handel?“ bis hin zu „Das ist ja eine nette Geste“. Das Feedback ist sehr unterschiedlich, es lassen sich keine Muster erkennen. Wir haben uns entschieden, das System ab dem 1. April in allen 53 Filialen zu installieren.
Wie viel Trinkgeld kann man geben und wieviel Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten nutzen diese Möglichkeit?
Man hat die Wahl zwischen 3, 5 und 7%, kann außerdem einen individuellen Betrag angeben oder einfach „Nein“ wählen. In der gesamten Phase seit dem Start des Tests dürften etwa 30 bis 40 % der Konsumenten Trinkgeld gezahlt haben. Mir ist wichtig, zu betonen, dass das System freiwillig ist. Darauf weisen wir mit Aufstellern an der Kasse hin. Wenn aber Kundinnen oder Kunden mit Beratung und Service zufrieden waren, können sie das Team dies wissen lassen. Im Übrigen: In der Gastronomie dürfte der Anteil Trinkgeld zahlender Kundinnen und Kunden bei 80 bis über 90% liegen; das wird selten hinterfragt. Es ist ein reines Gewohnheitsthema.
Es gibt Menschen, die dem System kritisch gegenüberstehen, weil sie es als aufdringlich empfinden. Zumal man – Stichwort Gastronomie – in einigen Fällen auch dann zum Trinkgeldzahlen aufgefordert wird, wenn man sich seinen Salat im Bistro selbst aus dem Regal geholt hat.
Unsere Schuhgeschäfte sind in der Regel keine Selbstbedienungsläden. Es erfolgt meist eine Interaktion, etwa indem die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter alternative Modelle zeigt, andere Größen bereitstellt oder Hinweise zur Pflege der Schuhe gibt. Das ist durchaus mit dem Service in der Gastronomie vergleichbar. Natürlich gibt es Fälle im Schuhgeschäft, in denen die Beratungsleistung eher gering ist. In einem Restaurant würde aber man dem Kellner, der nur die Bestellung entgegengenommen und die Pasta zum Tisch gebracht hat, trotzdem ein Trinkgeld geben – auch wenn es nur minimaler Service war.