Der Handel steht unter massivem Druck – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch personell. Letzteres belegt laut Verdi eine Befragung unter Beschäftigten. Zwischen Ende April und Ende Juni 2025 wurden dafür laut der Gewerkschaft 11.732 Mitarbeitende im Einzelhandel sowie im Groß- und Außenhandel zu ihren Arbeitsbedingungen befragt.
Laut Verdi halten 79 % der Befragten ihren Lohn angesichts ihrer Arbeitsleistung für wenig oder gar nicht angemessen. Über die Hälfte (52 %) gibt an, dass der Monatslohn nur gerade so reicht. Für 19 % reicht er gar nicht aus. Auch mit Blick auf die Altersvorsorge herrscht Pessimismus: 68 % glauben nicht, dass ihre spätere Rente zum Leben reichen wird.
Neben den finanziellen Sorgen steht vor allem die hohe Arbeitsbelastung im Fokus. 67 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichten von gesundheitlichen Belastungen in hohem oder sehr hohem Maße. 62 % würden den Beruf am liebsten wechseln, 78 % können sich nicht vorstellen, ohne Einschränkungen bis zur Rente durchzuhalten.
Silke Zimmer, Mitglied des Verdi-Bundesvorstands, warnt: „Unsere Befragungsergebnisse sind niederschmetternd und zeigen, dass Veränderungen dringend erforderlich sind, wenn der Handel Personal halten und gewinnen will.“ Die Branche müsse durch bessere Arbeitsbedingungen attraktiv bleiben, um die Versorgung der Bevölkerung langfristig sicherzustellen.
Ein weiterer Kritikpunkt: die zunehmende Belastung durch Digitalisierung. 63 % der Befragten sagen, dass Digitalisierung eine große oder sehr große Rolle in ihrem Arbeitsalltag spielt – jedoch nicht im positiven Sinne. 49 % empfinden die digitalen Prozesse als zusätzliche Belastung. „Digitalisierung wird im Handel vor allem als Kontrollinstrument eingesetzt. Dies führt zu erheblichem Stress. Damit wird die Digitalisierung in ihr Gegenteil verkehrt: Anstatt die Beschäftigten zu entlasten, belasten die digitalen Prozesse die Mitarbeitenden zusätzlich“, so Zimmer weiter.
Auch zwischenmenschliche Aspekte sorgen für Frust: 46 % der Beschäftigten berichten von herablassender Behandlung – mehrheitlich durch Kundinnen und Kunden (51 %), aber auch durch Vorgesetzte (47 %). Die Gewerkschaft sieht hier dringenden Handlungsbedarf. „Der Handel braucht Führungskräfte, die sich vor ihre Beschäftigten stellen und sie unterstützen. Sowohl bei den körperlichen Anforderungen als auch bei der Arbeitsintensität muss der Handel dringend für Entlastung sorgen.“
Verdi fordert tarifvertragliche Regelungen für bessere Arbeitsbedingungen, familienfreundliche Vollzeitverträge und eine gerechte Bezahlung. Zimmer betont: „Gute Arbeit ist kein Luxusgut, sondern ein Recht der Beschäftigten, um im Job langfristig bestehen zu können. Dafür kämpfen wir.“
Die Befragung wurde in Zusammenarbeit mit dem „Uzbonn – Gesellschaft für empirische Sozialforschung und Evaluation“ sowie dem Beratungsinstitut „TBS NRW“ durchgeführt. 63 % der Teilnehmenden arbeiten im Verkauf, gefolgt von Logistik (15 %), Büro (11 %) und sonstigen Bereichen (11 %).