Was bedeutet für Sie „weibliche Führung“ – und inwiefern unterscheidet sich Ihr Führungsstil von klassischen Vorstellungen, etwa in puncto Kommunikation oder Entscheidungsfindung?
Wendy Cullingford: Ich freue mich, mein Team in einer Zeit zu führen, in der wir uns nicht mehr männlich verhalten oder maskulin agieren müssen, um erfolgreich zu leiten. Weibliche Führung bedeutet für mich, Mitgefühl, Empathie und Menschlichkeit einzubringen – das passt auch gut zu meinem Design-Hintergrund und Ansätzen wie Design Thinking. Auf diese Art Teams zu entwickeln, macht die Rolle für mich besonders spannend. Und eine solche Führungskultur wird bei uns im Unternehmen von Frauen genauso gelebt wie von Männern.
Vessela Carrillo: Was mir auffällt, ist, dass Frauen häufig stark teamorientiert führen und weniger hierarchisch agieren. Führung hat ja in der Vergangenheit oft auf Kontrolle und auf Hierarchien basiert. Ich persönlich setze auf Vertrauen, Teamarbeit und Delegieren. Und ich beobachte diesen Führungsstil bei Legero United bei Frauen und Männern gleichermaßen.
Wie wichtig sind weibliche Vorbilder in der Branche – und welche Rolle spielen Sie selbst in dieser Hinsicht für jüngere Kolleginnen?
Vessela Carrillo: Ich finde meine persönlichen Vorbilder eigentlich im Alltag: ob das die eigene Mutter ist oder damals meine Mathe-Lehrerin am Gymnasium… Auch im Berufsleben bin ich von starken Persönlichkeiten begleitet worden. Was sie gemeinsam haben: eine positive Einstellung trotz aller Umstände und der Glaube an die eigene Kraft, etwas zu bewegen.
Welche Veränderungen würden Sie sich in der Schuhindustrie wünschen, damit mehr Frauen Führungsverantwortung übernehmen – und was können Unternehmen dafür konkret tun?
Vessela Carrillo: Ich finde, der Frauenanteil in Führungspositionen sollte davon abhängen, wie viele Frauen über die notwendigen Qualifikationen verfügen. Ich bin überzeugt, dass es viel mehr Frauen gibt, die sie mitbringen, als wir aktuell in Führungspositionen finden. Es braucht eine funktionierende Infrastruktur, die es ermöglicht, dass Frauen von der familiären Care-Arbeit, die häufig mehrheitlich an ihnen hängt, entlastet werden. Gleiche Chancen beim Gehalt würden Familien die freie Wahl lassen, ob im Zweifelsfall die Frau oder der Mann vom Beruf kürzer tritt.
Wenn Sie jungen Frauen drei persönliche Ratschläge für ihren Weg in die Branche geben könnten – welche wären das?
Wendy Cullingford: Sei offen und neugierig – saug alles auf, was du von Menschen um dich herum lernen kannst. Trau dich, deine eigenen Ideen einzubringen, auch wenn du „nur“ Praktikantin oder Assistentin bist. Und hab keine Angst vor Fehlern: Sie sind deine größten Lehrmeister. Probier Dinge aus, gesteh Fehler ein und mach weiter – das ist der beste Weg, um zu wachsen.
Vessela Carrillo: Mein wichtigster Rat an junge Menschen: Traut euch, Dinge auszuprobieren, statt ständig alle Eventualitäten durchzuspielen. Fehler lassen sich korrigieren und bringen wertvolle Erfahrungen. Besonders Frauen möchte ich ermutigen, den Kinderwunsch nicht als Karrierehindernis zu sehen. Mit ausreichender Unterstützung im Umfeld ist beides möglich. Aus meiner Erfahrung hat es viele Vorteile, Kinder früh zu bekommen: Man lernt, Prioritäten zu setzen, kleine von großen Problemen zu unterscheiden und wird unglaublich effizient. Und egal, wie stressig der Arbeitstag war – ein friedlich schlafendes Kind am Abend schenkt die schönsten positiven Vibes.