Zurzeit beschäftigt das Unternehmen 200 Mitarbeitende und setzt pro Jahr 400.000 Paar Schuhe ab. Nun stellt sich die Frage, wie die weitere Strategie aussehen soll. Von kurzfristigen Wachstumsprognosen wollen Müller und Minder zumindest vorerst Abstand nehmen: Um teils utopische Erwartungen zu erfüllen, wurde zuletzt stark in Wachstum investiert, erklärt Müller: „Wir akquirierten neue Kunden, bauten Zweigstellen auf, vergrößerten uns, lancierten neue Marken, gingen stärker in die Werbung. Sensationsmeldungen gefolgt von Sensationsmeldung. Wir machten uns selbst einen großen Druck, um parallel und in Rekordzeit Projekte abzuschließen oder Deadlines zu erfüllen. Langfristig gesehen tun wir unserem Team damit allerdings keinen Gefallen.“ Das sind sein Kollege Claudio Minder ähnlich: „Wenn Mitarbeitende ausbrennen und wir zusehen, wie wir Monat für Monat wertvolle Mitarbeitende auf dem Weg verlieren, landen immer mehr operative Aufgaben auf unserem Tisch. Trotzdem treiben wir neue Projekte voran, obwohl uns die Manpower für deren Umsetzung fehlt. Dadurch mussten wir feststellen, dass wir zum Flaschenhals im ganzen Konstrukt geworden sind. Wir waren an zu vielen Fronten involviert.“ Schließlich habe man sich von einem Tag auf den anderen entschieden, bis auf Weiteres nichts Neues mehr anzugehen. „Wir wollen kein Wachstum um jeden Preis. Wir wollen und müssen unser Team schützen“, betont Minder. Man wolle innehalten, so schildern es die beiden Geschäftsführer, um sich neu auszurichten. „Allerdings ist es schwierig, den Übergang in eine neue Wirtschaftsordnung zu schaffen. Es besteht das Risiko, dass Unternehmen ohne Wachstum insolvent und Menschen arbeitslos werden und dies könnte letztendlich zu einer Wirtschaftskrise führen“, schildert Müller. Nun will man eine Zeit lang bewusst auf zusätzlichen Absatz zu verzichten, um die nächsten 18 Monate in die Entwicklung der Mitarbeitenden und die Perfektionierung der Produkte und Inhalte zu investieren. „Davor waren wir ständig auf der Suche nach Mitarbeitenden, um unsere Kunden und Kundinnen noch besser bedienen zu können. Fachleute sind allerdings rar. Und wer auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist, kann viel Geld fordern.
Die Kosten für die Unternehmen werden dadurch höher und die Firmenstrukturen komplexer. Ein Hamsterrad“, resümiert Minder. Jetzt lerne man gerade, öfter Nein zu neuen Projekten zu sagen. An einigen will man aber auch festhalten, darunter die Expansion mit Kybun Joya Shops. Angepeilt sind 100 neue Standorte. Daran soll sich nichts ändern. „Kybun Joya Shops sind nach wie vor ein klarer Fokus. Wir haben aktuell zwölf eigene Shops, fünf davon in der Schweiz und über 30 Franchise Shops in ganz Europa. Alle zwei bis vier Wochen eröffnet irgendwo auf dieser Welt ein weiterer Kybun Joya Shop“, berichtet Minder. Zudem werden inzwischen 20% der Umsätze online generiert – Tendenz steigend. Mit Interesse verfolge man die Insolvenzen großer Filialisten. „Sie zeigen uns auf, dass viele Geschäfte Schwierigkeiten haben, Produkte anzubieten, welche im Onlinebereich immer günstiger und mit einer besseren Verfügbarkeit zu bekommen sind. Wir machen bei diesem Einheitsbrei nicht mit“, stellt Minder klar.
Um die Zukunft ist man bei Kybun Joya nicht bange. Zwar stehe man aktuell an einem Punkt, an dem neuer Raum geschaffen müsse, sagt Karl Müller. Ab 2025 werde man aber wieder bereit für Wachstum sein. Pläne gibt es für diese Zeit genügend: „Wann wir die 100 Mio. Umsatz-Schallmauer durchbrechen, ist eine Frage der Zeit.“ Gearbeitet wird an einer Anerkennung der Kybun Joya-Produkte durch die Schweizer Krankenkassen, wie es in Israel bereits der Fall ist. Eine weitere Idee ist es, Schweizer Soldaten mit Kampfstiefeln von Elgg Made in Switzerland auszustatten.
Was sich durch die Fusion für den Fachhandel ändert
Ab dem 1. Juli 2023 sind die zwei Firmen Kybun und Joya rechtlich gesehen fusioniert. Ab diesem Zeitpunkt erhalten Fachhandelspartner Zugriff auf das neue B2B-Portal mit allen Produkten der Kybun Joya-Gruppe. Diese werden künftig gemeinsam versendet und verrechnet. Keine Änderungen gibt es laut dem Unternehmen in der Betreuung durch den gemeinsamen Kybun Joya Außendienst und die gewohnten Ansprechpartner.