Es schwingt Frust mit, wenn Roman Degenhardt (53), Ingo Hänel (48) und Ulrich Volk (60) den aktuellen Stand rund um die Initiative #schuhhandelhatzukunft beschreiben. Die Herausforderungen für den Handel seien seit dem Start des Projekts im Sommer 2023 eher noch größer geworden, sagt Hänel, Geschäftsführer des Römersteiner Schuhfilialisten Schuh-Beck mit 15 Filialen. „Die Preisspirale ist weiter nach oben gegangen. Nächstes Jahr kommt noch die Mindestlohnerhöhung hinzu. Wir sehen, dass reihenweise Mitbewerber schließen. Trotz aller Anstrengungen und durchaus auch Erfolge ist die Lage nicht besser.“ Und Hänel ergänzt, man müsse eigentlich weitermachen mit der Initiative, aber … Und dieses „Aber“ ist der springende Punkt.
Vor zweieinhalb Jahren hatten sich die drei Händler zusammengetan, um Bewegung in die Branche zu bringen. Von den Auswirkungen der Corona-Pandemie hatten sich viele Handelsunternehmen seinerzeit nicht erholt – im Gegenteil.
Und Degenhardt, Hänel und Volk traten an, so schildern sie es heute, um die Aufmerksamkeit der Industrie auf dieses Thema zu lenken und die Branche insgesamt zu stärken. Sie veröffentlichten einen offenen Brief in schuhkurier. Es folgten größere Diskussionsrunden aus Handel und Industrie und die Bildung von vier Arbeitsgruppen, die sich mit verschiedenen Themenfeldern befassten: „Datenaustausch“, „Effizienz in der Schuhbranche“, „Messen“ und „Standing des Schuhs“. Deren Erfolgsbilanz fiel unterschiedlich aus.
Bei den Themenfeldern „Datenaustausch“ und „Effizienz“ konnten einige sehr konkrete Ergebnisse erzielt werden. So wird an Standards für den Austausch zwischen Industrie und Handel gearbeitet. Das Tool Elvis, bei dem der Handel Zugriff auf die Warenbestände der Industrie hat, sowie Dave, das digitale Datenaustauschvereinbarungen ermöglicht, gehören zu den Lösungen, die in diesen Gruppen erarbeitet wurden.
Beim Thema Messen gab es den Vorstoß, ein großes, möglichst internationales Event zu Beginn der Orderrunde zu installieren. Dieses Vorhaben hat aber, das geben die drei Händler zu, nicht funktioniert. Man habe die Heterogenität der Branche unterschätzt, sagt Hänel. Es sei schwierig gewesen, ein Commitment zu erreichen. „Je nachdem, mit wem man sprach, gab es ganz unterschiedliche Ansätze“, so Degenhardt. Und man habe auch lernen müssen, dass mündlicher Zuspruch nur etwas wert ist, wenn ihm eine Unterschrift folgt. Ganz davon abgesehen, dass internationale Messeveranstalter die vergleichsweise kleine Schuhbranche mit ihren speziellen Anliegen nicht auf dem Schirm hatten.
Die Arbeitsgruppe, die sich mit dem Standing des Schuhs befasst, hat in mehreren Treffen die Grundlagen für eine Kampagne in Richtung Endverbraucher erarbeitet. Ein Pitch mit Werbeagenturen hat inzwischen stattgefunden. Was nun fehlt, sind Finanzierungszusagen für einen sechsstelligen Betrag, um die Kampagne zu gestalten und auf die Straße zu bringen.
Darum ist das Fazit der drei Unternehmer nicht völlig negativ, aber doch ernüchtert: „Wir haben einiges erreicht“, sagt Roman Degenhardt. „Aber es war am Ende doch nicht genug.“
Dabei waren die drei Händler bereit, auch über die eigene Schmerzgrenze hinaus zu gehen. Viel Arbeit im Hintergrund sei nötig gewesen, berichten Degenhardt, Hänel und Volk. Meetings morgens um 7, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen, waren an der Tagesordnung; längere digitale Diskussionsrunden an Samstagvormittagen keine Seltenheit. Manchmal habe es drei Besprechungen in einer Woche gegeben. „Es war ein 365-Tage-Job“, resümiert Ulrich Volk, dessen Unternehmen fünf Filialen umfasst, und ergänzt: „Irgendwann kam der Eindruck auf, dass man uns nur dann Aufmerksamkeit schenkt, wenn wir Erfolge zu vermelden haben.“ Immer wieder habe es auch Nachfragen aus der Branche gegeben nach dem Motto: ‚Wann ladet ihr denn mal wieder ein zu einem Treffen?‘ „Dabei war unser Ansatz so nicht gedacht“, sagt Hänel. „Wir wollten eine breite Brancheninitiative bilden. Es ging uns nie darum, dass für unsere Unternehmen etwas dabei herausspringt.“ Auf Händlerseite, ergänzt Degenhardt, habe es viele Mitstreiter gegeben. Auch die beiden Verbundgruppen ANWR und SABU sowie der BTE hätten die Vorhaben der Initiative unterstützt. Bei den Industrieunternehmen seien zwar auch einige sehr konstruktiv und mit Herzblut und Engagement dabei gewesen – aber es hätten mehr sein müssen. Und überhaupt habe es eine große Zahl passiver Unternehmerinnen und Unternehmer gegeben, die zwar an den Vorstößen der Gruppe interessiert waren, sich aber selbst nicht einbringen wollten oder konnten. Und bis zuletzt habe es hinter vorgehaltener Hand auch Kritik gegeben, den Dreien gehe es am Ende doch nur um eine verbesserte Spanne.
„Und dann kommt der Punkt, an dem man Prioritäten setzen muss“, erklärt Hänel. „Unsere eigenen Unternehmen fordern uns sehr, jeden Tag. Auch für uns sind die Herausforderungen und Aufgaben nicht weniger geworden.“ Darum sei – schweren Herzens – die Entscheidung gefallen, das Projekt in der bisherigen Form nicht weiterzuführen.
Davon, dass ihr Vorhaben gescheitert ist, wollen die drei aber nichts wissen. „Wir haben einfach entschieden, dass wir die Zeit nicht mehr aufwenden können“, bringt es Degenhardt auf den Punkt. Auch Ulrich Volk ist überzeugt, dass sich der enorme Aufwand unterm Strich gelohnt hat. „Wir wollten nicht sang- und klanglos verschwinden, sondern mit erhobenem Haupt.“ Weiter einbringen wollen sich Roman Degenhardt und Ulrich Volk vor allem im Bereich Effizienz und Datenaustausch. Am Thema Standing der Branche will Degenhardt ebenfalls weiter gestaltend mitwirken. Ingo Hänel gibt sich versöhnlich: „Wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören.“ Und nein, den LinkedIn-Account der Initiative „Schuhhandelhatzukunft“ werde man nun nicht in „Schuhhandelhatdochkeinezukunft“ umbenennen.