Ein Schuh muss richtig viel können: Er muss vor Verletzungen und extremen Temperaturen schützen. Er muss optimal passen, um den natürlichen Bewegungsablauf zu unterstützen und um Fußdeformationen zu vermeiden. Und hübsch aussehen sollte er natürlich auch – Schuhe prägen den Stil und perfektionieren das Outfit. Eine Schuhverkäuferin muss sich in jedem Kundengespräch aufs Neue einen Weg durch den Dschungel an Schuhmodellen und individuellen Fußformen bahnen, um für jeden Kunden den idealen Schuh zu finden.
Aber die Vielzahl an Schuhmodellen bietet auch eine Chance, denn dank der großen Auswahl findet garantiert jedes Töpfchen sein Deckelchen. Eines ist aber sicher: Fundiertes Produktwissen hilft Ihnen hier ungemein. Für alle, die ihr Wissen auffrischen oder vertiefen möchten, erläutert daher unsere neue Glossary-Reihe, die in Zusammenarbeit mit dem ISC Germany realisiert wurde, die wichtigsten Begriffe rund um Fuß und Schuh. Im ersten Teil geht es um das formgebende Element jedes Schuhs: den Leisten.
Der Leisten
Der Leisten bildet die Basis jeden Schuhs. Er ist eine abstrahierte Nachbildung des menschlichen Fußes aus Holz, Metall oder Kunststoff und das wichtigste Werkzeug bei der Schuhherstellung. Er bestimmt die modische Linie des über ihn gefertigten Schuhs sowie dessen Passform und Innenmaße.
Der Leisten sollte prinzipiell möglichst fußgerecht sein. Das heißt, die über ihn gefertigten Schuhe sollen den Fuß in seiner natürlichen Lage halten und bei allen Bewegungen unterstützen, sprich: optimale Passform bieten. Passt ein Schuh nicht, stellt das für den Träger eine erhebliche Komfortbeeinträchtigung dar. Das Tragen von nicht passendem Schuhwerk kann sogar zu bleibenden Fußverformungen und gesundheitlichen Schäden – wie Hammerzehen oder Hallux Valgus – führen.
Ein Leisten ist keine 1:1-Umsetzung von statisch ermittelten Fußmaßen. Eine Leistenmodelleur/in muss viele weitere Gesichtspunkte bei der Leistenkonstruktion berücksichtigen: Der Schuh muss auch in der Bewegung funktionieren und soll gleichzeitig die jeweils gewünschte modische Form (hier haben Spitzenform und Absatzhöhe großen Einfluss) mit den anatomischen und biomechanischen Anforderungen in Einklang bringen. Es gibt spezielle Leisten für eine Vielzahl von Schuharten: Slipper, Pumps, Sandalen, Schürschuhe, Sportschuhe, Stiefeletten, Stiefel…
Die meisten Schuhe sind industriell gefertigt, das heißt über standardisierte Leisten, die den Anspruch erheben, einen ‘Durchschnittsfuß’ in verschiedenen Größen und manchmal auch in unterschiedlichen Weiten zu repräsentieren. Die Realität ist allerdings, dass es himmelweite Maßunterschiede gibt. Ein Schuh der Marke X in Größe 39 kann ganz anders ausfallen als ein Modell des Herstellers Y. Das hängt einerseits damit zusammen, dass es sehr schwierig ist zu definieren, wie ein ‘Durchschnittsfuß’ eigentlich beschaffen und zu vermaßen ist, und andererseits damit, dass die Schaftmaterialien im Herstellungsprozess nicht absolut vorhersehbar reagieren, was die schlussendlichen Innenmaße des fertigen Schuhs anbetrifft.
Die Schaftmaterialien werden während der Schuhproduktion mit relativ großer Krafteinwirkung über den Leisten verdehnt und dann mit Klebstoff und/oder Nägeln an der Brandsohle fixiert – man nennt das ‘Zwicken’ – ,um ihre endgültige Form zu erhalten. Zudem werden sie Hitze und Kälte ausgesetzt, um die angestrebte Form zu stabilisieren. Doch ein Teil dieser Verdehnung stellt sich bis 48 Stunden nach Fertigstellung des Schuhs zurück. Speziell bei Lederschuhen mit den Unterschieden im Naturprodukt Leder ist es schwierig, wirklich einheitliche Innenschuhmaße zu erreichen.
Tipp: Anprobieren ist das A und O – aber nicht jeder Kunde bringt unendlich viel Zeit mit. Daher ist ein kompakter Fragenkatalog nützlich, der Ihnen auch bei eiligen Kunden weiterhilft. Hören Sie dem Kunden gut zu. Wonach sucht er konkret, welcher Schuhtyp schwebt ihm vor? Bei welchen Gelegenheiten wird der den Schuh aller Voraussicht nach tragen? Haben Sie dabei auch die Füße ihres Kunden im Blick und fragen Sie ihn, ob er schon mal Probleme mit bestimmten Schuhen hatte. Tauschen Sie sich mit Ihren Kolleginnen aus. Überlegen Sie gemeinsam, welche Fragen Ihnen als besonders wichtig und hilfreich erscheinen.
Schuh & Fuß – was ist grundsätzlich zu beachten?
Ein Schuh sollte der Abrollbewegung des Fußes gut folgen können, ohne dass der Träger Kraft aufwänden muss. Die Abrollbewegung des unbeschuhten Fußes bestimmt die Schrittlänge. Ein Mensch, der normal und locker geht, setzt den Fuß auf der Ferse auf und rollt dann über die ganze Fußsohle bis zum Großzeh ab. Flache Schuhe unterstützen dies ideal.
Beim beschuhten Fuß hängt die Schrittlänge im Wesentlichen von der Absatzhöhe ab: Je höher der Absatz, umso reduzierter die Abrollbewegung und umso kürzer werden die Schritte. Das Gewicht wird auf den Vorfuß verlagert, der sich dabei aufspreizt und deshalb etwas mehr Weite braucht – und folglich mehr beansprucht wird. Plateaupumps sind insofern eine schlaue Lösung, weil das Plateau den Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß kompensiert. Das Laufen darin ist also einfacher als in hochhackigen Pumps ohne Plateau. Die Schrittlänge wird wieder etwas normaler und der Vorfuß spreizt weniger auf.
Tipp: Es ist ratsam, Ihre Kundinnen über diese Zusammenhänge zu informieren. Es geht nicht darum, grundsätzlich von High Heels abzuraten. Es geht darum, das optimale Modell mit der richtigen Vorfußweite für die Kundin zu finden – wenn es schon beim Anprobieren im Vorfuß zu eng ist, wäre der Kauf ziemlich sicher eine Fehlinvestition. Unbequeme Schuhe bleiben nämlich garantiert im Schuhschrank.
Prinzipiell ist zudem zwischen biegefähigen, also flexiblen, und starren Schuhböden zu unterscheiden. Kinderschuhe und die meisten Sportschuhe benötigen flexible Sohlen. Hochhackige Schuhe können nur starre Böden haben, um ihrer Form Festigkeit zu geben – sonst wäre das Laufen darin eine gefährliche Angelegenheit. Die Sohlen hoher Schuhewerden durch eine besondere Formgebung, die so genannte ‘Gondelung’, abrollfähig gestaltet. Je starrer der Schuhboden ist, desto stärker wird das Schuh-oberteil – der Schaft – beansprucht, und zwar speziell Schuhverschlüsse, Fersenfutter und Schaftabschluss.
Tipp: Schauen Sie sich die Schuhe in Ihrem Geschäft in Ruhe an. Achten Sie zum Beispiel einmal darauf, welche Pumpshersteller die Sohlen fußfreundlich ‘gondelieren’. Probieren Sie die Modelle an. Können Sie damit gut und sicher gehen oder staksen Sie nur? Je besser Sie die Modelle nicht nur hinsichtlich ihrer Optik, sondern auch in Bezug auf ihre technische Beschaffenheit und ihre Trageeigenschaften kennen, umso besser können Sie Ihre Kunden bei der Suche nach dem richtigen Schuh unterstützen.