Herr Dr. Terberger, welche Rolle spielt das Thema Schuhe bei den Katag-Händlern?
Dr. Daniel Terberger: Ich sehe, dass es eine wichtige Rolle spielt. Aber insgesamt ist die Entwicklung etwas gebremst, wenn man sie etwa mit der Situation vor fünf bis zehn Jahren vergleicht. Seinerzeit waren Schuhe im Modehandel eine echte Innovation. Heute befindet sich das Geschäft in einer reiferen Phase. Es gibt nur wenige ganz neue Einstiege. Vor fünf bis zehn Jahren hatte jeder Modeunternehmer die strategische Frage nach den Schuhen auf der Agenda. Wer das Thema damals nicht angefasst hat, macht das auch heute eher nicht – es sei denn, es gibt gravierende Veränderungen am Standort. Viele Modehändler, die mit Schuhen arbeiten, sind zufrieden. Aber begeistert sind nicht alle.
Ist also die Schuh-Welle im Modehandel schon durch?
Das ist mir zu krass formuliert. Ich würde sagen, die ganz große Welle ist abgeebbt. Sie fing vor etwa zehn Jahren an, als sich die Warenhäuser in Richtung Mode orientiert und ihre Schuhabteilungen aufgewertet haben. Dann kam es zum Ausbau des Angebots auch im Modehandel, weil klassische Schuhhändler aus dem Markt verschwanden. Natürlich kann auch heute ein neuer Impuls mit Schuhen gesetzt werden, etwa weil Schuhgeschäfte in einer Stadt schließen oder zu wenig Modekompetenz haben.
Welche Varianten sehen Sie, als Modehändler mit Schuhen umzugehen?
Die Strategien sind sehr unterschiedlich. Es gibt Häuser, die hochkompetente und große Schuhflächen aufgebaut haben. Einige sehen das Thema vorwiegend als Ergänzung ihrer Modemarken, indem sie deren Lizenzprodukte ins Sortiment aufnehmen oder auch etablierte Schuhmarken, die man aus dem klassischen Schuhhandel kennt, dazu sortieren. Beides kann erfolgreich sein. Es gibt Modehäuser, die sehr erfolgreich mit Schuhen arbeiten, etwa Garhammer in Waldkirchen, Hagemeyer in Minden und Zinser in Tübingen. Zweifellos kann der Schuh ein strategischer Door-Opener sein, wenn sich ein Haus zum Lifestylehändler entwickeln will. Meist folgen dann die Taschen und Segmente wie Sport und Parfum. Wer an diesen Weg glaubt und die Möglichkeit hat, das Thema Schuhe voranzutreiben, sollte das tun.
Welche strategischen Überlegungen sehen Sie derzeit bei Händlern, die Schuhe im Sortiment haben?
Beobachten lässt sich häufig ein Trading-up im Sortiment. Das leitet sich ab aus den Entwicklungen im Gesamtmarkt. Der große Kapitän – Deichmann – beherrscht das Business. Und auffällig viele Multibrandhändler im Schuhhandel sind in den letzten Jahren in Schwierigkeiten geraten. Im hochwertigen Multibrandbereich ist noch Platz. Ein Modehändler hat im Hinblick auf Schuhe vielleicht die höhere Kompetenz – nicht weil er modisch genial ist, sondern weil seine Fläche mehr Raum bietet für die Darstellung eines Outfits. Ein Modehaus hat es also leicht, ein Schuhangebot zu bieten. Umgekehrt ist das nur möglich, wenn die entsprechende Fläche vorhanden ist. Was wir derzeit auch sehen, ist, dass Modehändler ihr vorhandenes Schuhangebot optimieren, indem sie etwa neue Marken hinzunehmen. Es werden also eher kleinere Schräubchen gedreht. Der Teufel steckt aber oft im Detail.
Wo liegt Ihrer Meinung nach der Hemmschuh am Siegeswagen?
Schuhe sind ein ganz eigener Markt. Das Thema erfordert eine Menge Know-how. Wir trauen es grundsätzlich je dem Katag-Haus zu. Es ist aber kein Home Run – die Welt hat nicht auf einen gewartet, der einfach ein bisschen Geschmack hat. Es kommt auf viele Details an, vom Lager über das Verkaufspersonal bis hin zur IT. Und vor allem müssen grundsätzliche Fragen geklärt werden: Soll eine Sneaker-Lifestyle-Welt entstehen? Oder ein umfangreiches Sortiment vom Kinderschuh bis zum Pumps? Übernimmt jede Abteilung für ihren Bereich das Schuhsegment mit? Oder wird eine übergreifende Abteilung aufgebaut? Wie viel Budget setzt ein Händler auf das Thema? Wenn ein 6-Millionen-Haus mit 300.000 Euro Schuh-Umsatz plant, ist das zwar relevant, aber kein Big Business. Schuhe können für ein Modehaus eine gute Chance sein. Wer aber meint, er könne Mode und daher auch Schuhe, dem fehlt es an Demut.
Der Schuhhandel steht weiterhin unter Druck. Nicht nur größere überregionale Multimarken-Filialisten haben sich aus dem Markt verabschiedet oder ihr Filialportfolio deutlich verkleinert – auch Einzelgeschäfte oder kleinere Filialunternehmen schließen, unter anderem, weil es keinen Nachfolger gibt. Das kann eine Chance für den Modehandel bedeuten.
In keinem Segment gilt es so stark, den Markt zu beobachten, wie im Schuh handel, insbesondere in kleinen und mittelgroßen Städten. Denn es stellt sich für die Verbraucher schlicht die Frage, wie sie ihr Outfit zusammen stellen können, wenn es keinen Schuh handel mehr im Ort gibt. Das ist zum Beispiel bei Anlässen, für die man Kleidung und Schuhe benötigt, sehr relevant. Und bei diesen Gelegenheiten ergeben sich gute Bons. Gibt es aber das Angebot nicht, dann wirkt das wie eine Zwangsverschickung der Kundinnen und Kunden ins Internet oder in die nächste Großstadt. Und wir sehen am Beispiel der Covid Pandemie, dass das oft eine nachhaltige Entwicklung ist: Damals wurden die Kundinnen und Kunden ins Internet gezwungen. Und als der Enkel das Onlineshopping für sie erst mal eingerichtet hatte, entdeckten sie dies als attraktive Alternative zum stationären Handel. Die Analyse der Marktgegebenheiten am Standort ist also erste Unternehmerpflicht. Wenn tatsächlich das Schuhhaus am Platz schließt, kann ein Modehändler darauf reagieren.
Wie nehmen Sie derzeit die Stimmung unter den Katag-Händlern wahr?
Sie ist ordentlich. Das ist das Gegenteil von euphorisch und auch das Gegenteil von depressiv. Die Umsätze sind in Ordnung, gemessen an den Erwartungen, die die Händler Anfang des Jahres formuliert haben. Und diese waren mäßig.
Glauben Sie an den Re-Start im kommenden Jahr, wie er von einigen Unternehmen erwartet wird?
Wer erwartet das denn? Erwarten kann man vielleicht das ewige Leben. Aber einen Re-Start zu erwarten, dazu gibt es objektiv keinen Anlass. Für diese These gilt das Prinzip Hoffnung. Wenn es zu einer Zinssenkung, verbunden mit einem Konjunkturaufschwung, kommt, dann könnte das den Konsum ankurbeln und sich so etwas wie ein Re-Start entwickeln.