Präsentiert und diskutiert wurden beim EHI-Kartenkongress in Bonn die Entwicklung der aktuellen Zahlungsmittel sowie die neuen und innovativen Zahlsysteme.
Vor dieser Betrachtung lohnt ein Blick auf die Statistik. Bei der Veränderung des Zahlverhaltens ergeben sich nur schleichende Veränderungen. So ist der Zahlungsmittelmix am POS im Jahr 2017 wie folgt verteilt: Immer noch über 51% aller Umsätze werden bar bezahlt. Der Kartenanteil liegt bei knapp 46%, wobei hiervon knapp über 85% weiter über die Girocard abgewickelt werden.
Im Gegensatz zum Gesamthandel, der auch den LEH einbezieht, ergeben sich beim Blick auf den Schuh-, Sport- und Textileinzelhandel teilweise völlig andere Werte. Bei DZB Cash, einem kaufmännischen Anbieter für POS und eCommerce Payment, steigt der Anteil der Kartenzahler im Facheinzelhandel teilweise auf bis zu 90% des Gesamtumsatzes an. Die bargeldlosen Durchschnittsbons der Fachhändler liegen ebenfalls bei deutlich über 80 Euro. Für den Facheinzelhandel stellen sich bei der Wahl der Zahlmittel aus Sicht von DZB Cash zwei grundlegende Fragen: Welches (weitere) Zahlsystem wird ein ’must have‘? Und: Lassen sich durch die Erweiterung um ein neues Zahlungsmittel auch Umsatzsteigerungen erzielen oder zumindest Umsatzrückgänge vermeiden?
Girocard: Die Girocard ist und bleibt beliebtestes Zahlmittel der Deutschen. Spannend hier wird die Entwicklung der kontaktbehafteten zur kontakt-
losen Girocard-Zahlung sein. Immerhin sind heute nahezu alle POS Terminals mit der NFC-Funktechnologie ausgestattet, so dass es bei Beträgen bis 25 Euro grundsätzlich genügt, die Karte kurz in die Nähe des POS Terminals zu halten. Bei Beträgen über 25 Euro kann ebenfalls kontaktlos gezahlt werden, dann allerdings wird die Eingabe der Pin Nummer obligatorisch. Was im LEH aufgrund optimierter Checkout-Prozesse gewünscht ist, verhindert im (beratungsfokussierten) Facheinzelhandel jedoch möglicherweise einen Verkauf von Zusatzprodukten im Verlauf des Zahlprozesses. Auch die Zahlgrenze von 25 Euro für eine vollkommen kontaktlose Zahlung wird für die meisten Fachhändlern zu gering sein. Schlussendlich fallen auch bei einer kontaktlosen Girocard-Zahlung dieselben EC Cash-Entgelte wie bei einer kontaktbehafteten Zahlung an, so dass keine Kosteneinsparungen erzielt werden können. Das System kann sogar Kostenerhöhungen mit sich bringen, wenn der Händler im Zahlmix auch eine (garantierte) Lastschriftabwicklung durchführt. Gut zu wissen, dass einige Anbieter an einem kontaktlosen Lastschriftsystem arbeiten. Olaf Schrage, EHI-Arbeitskreisvorsitzender, ist sich trotzdem sicher: „Die Girocard kontaktlos kommt bis Ende 2018 massiv in den Markt, wird sehr positiv von den Verbrauchern angenommen und ist daher für einen guten Kundenservice ein Pflichtthema für den Händler in Deutschland. Transnational geht es für den Handel weiterhin um eine Harmonisierung der EFT-POS-Dienste sowie Infra- und Kostenstrukturen.“
Alternative Debitkarten Systeme (Maestro und VPay): Die beiden Debitsysteme von Mastercard (Maestro) und Visa (VPay) erreichen bisher nur sehr geringe Marktanteilen im Paymentmix. Es bleibt jedoch spannend, denn bereits vor einigen Jahren haben sich einzelne kartenherausgebende Institute entschieden, das Girocard System zu verlassen und Maestro- und VPay only Karten herauszugeben. Diese Karten werden analog zu den Girocard Karten eingesetzt, produzieren jedoch für den Fachhändler (noch) deutlich höhere Gebühren bei der Abwicklung. Die sich für die großen Retailer bietenden Verhandlungsspielräume bleiben dem kleineren Mittelstand meist vorenthalten. Er tut gut daran, sich bei Konditions- und Marktkonzentratoren bessere Konditionen einzuholen (z.B. beim Netzbetreiber oder Vertragsvermittlern). Vorsicht ist bei den Gebühren bei Mastercard Debit-
karten geboten: Diese ’äußerlich‘ als Debitkarte erscheinende Karte trägt das MasterCard Logo und wird daher zu den abgeschlossenen Mastercard Konditionen abgewickelt.
Payback Pay/Kundenkarten: Für Tankstellen, den LEH, mehrere Drogeriemarktketten und einen Teil der großen Kaufhäuser zählt die Akzeptanz der Payback Karte alleine schon aus Wettbewerbsgründen zu den notwendigen Bonussystemen. Aus dem Bonussystem ist seit der Einführung der Payback Pay App ein weiterer Player auf dem Zahlungsmarkt aktiv geworden. Mit Hilfe der Payback Pay App, die auf dem Handy des Endkunden installiert wird, ist das Punktesammeln und eine vollständige Zahlungsabwicklung möglich. Fraglich ob der Fachhandel bereit ist, mit der Akzeptanz des Bonussystems auch die Kosten dieses Systems zu tragen und die mit dem System einhergehen Kundenbindungsverluste zu akzeptieren.
Alipay: Alipay ist neben WeChat Pay ein echter Neuling in Europa. Das aus China stammende Bezahlsystem stammt von der Alibaba Group, dem chinesischen Ebay. Alipay wird vom Großteil der Chinesen im Ausland eingesetzt. Die umfangreiche App bietet u.a. die Möglichkeit, mit einem dem Nutzer bekannten Zahlsystem zu bezahlen. Insbesondere für Händler an touristischen Hot Spots wird Alipay künftig den Blumenstrauß an Zahlverfahren erweitern und – davon sind Experten überzeugt – echte Umsatzausweitungen mit sich bringen.
Zusammenfassung: Einige Zahlsysteme sind heute Pflicht. Girocard, Kreditkarten (mindestens Mastercard und Visa) sowie die Debitkarten Maestro und VPay. Alle diese Karten sorgen nicht für mehr Umsatz, sondern reduzieren den Bargeldanteil. Auch kontaktloses und mobiles Bezahlen wird zur Pflicht werden, ist aber Dank der überwiegend modernen Terminalgenerationen überall verfügbar, wird jedoch den Umsatz ebenfalls nicht erhöhen. Einzelne Zahlsysteme sorgen für bedingte Umsatzzuwächse – insbesondere dann, wenn durch die Akzeptanz echte Neukunden gewonnen werden können. Der ’Blumenstrauß‘ der Zahlmittel wird weiter bunter werden. Kundenbindung wird komplizierter, Kundenbindungsprogramme brauchen echte Mehrwerte.
Fehlende Bezahlprozesse dürfen natürlich keine offene Flanke für Händler werden, allerdings muss der Fachhändler die Kosten-/Nutzeneffekte genau prüfen oder sich Paymentexperten an Bord holen, um nicht sinnlos in die falsche Richtung zu investieren. Ein weiteres und völlig neues System wirft hierbei schon seinen Schatten voraus: Instant Payment!