Welche Erwartungen haben Sie an das ECC in seiner nun neuen Gesellschafter-Konstellation?
Martina Novotny: Wir sind alle der gleichen Meinung: Wir wollen keine eigenständigen ANWR-, SABU- oder HDSL-Lösungen. Wir haben gemerkt, dass wir es nur gemeinsam richtig gut machen können. Alle haben die gleichen Herausforderungen. Das Thema mit den Daten ist leider etwas trockener, daher müssen wir uns zusammentun und den richtigen Service abbilden. Es ist für die ANWR sehr wichtig, dass die Händler zufrieden sind. Natürlich müssen wir Geld verdienen. Aber es geht vor allem um richtig guten Service. Zur Vergangenheit kann ich nicht viel sagen. Ich kann nur nach vorne schauen und betonen: Das, was wir bieten wollen, ist ein Branchenstandard, gegebenenfalls ergänzt um weitere Branchen, und das internationalisiert, damit wir eine Größenordnung erreichen, in der wir auch wirklich einen Branchenstandard setzen können.
Stephan Krug: Es geht auch darum, die Glaubwürdigkeit des ECC weiter aufzubauen und zu festigen. Da haben wir im letzten Jahr schon gute Fortschritte gemacht. Wir sind uns einig, dass es in der Vergangenheit die eine oder andere Herausforderung gab, was damit zusammenhing, dass viel versprochen, aber nicht immer auch geliefert wurde. Das war enttäuschend, weil das dazu führt, dass die Leute nicht mitmachen. Wenn Händler sagen: Ich habe das jetzt mal probiert, aber die Datenqualität war so schlecht, dass ich viel manuell nacharbeiten musste – dann können sie es auch gleich selbst im System anlegen. Wir müssen durch Leistung überzeugen und liefern. Und dann können wir weitere Leistungen anbieten, die auf diesem positiv belegten Grundrauschen aufbauen. Dieses aber muss erst einmal gewährleistet sein. Dann werden wir bei den Händlern offene Türen finden. Eines ist wichtig zu betonen: Wir hatten vorher einen Interessenskonflikt im Gesellschafterkreis. Dieser ist jetzt aufgelöst. Heute geht es um eine sehr gute Leistung zu einem sehr guten Preis, unser Ziel ist nicht die Gewinnmaximierung. Natürlich müssen wir Gewinne erwirtschaften, um reinvestieren zu können in Services und neue Leistung. Dabei steht aber das Preis-Leistungs-Verhältnis im Vordergrund und nicht die hohen Renditen. Das ist der Mindset, der unter den jetzigen Akteuren im Gleichklang ist – wir ziehen alle auch in diesem Punkt an einem Strang.
Martina Novotny: Vielen ist nicht klar, dass ein digitales Geschäftsmodell davon lebt, dass kontinuierlich investiert wird. Deswegen muss es attraktiv sein, damit es nachgefragt wird. Der Standard, von dem Stephan Krug spricht, muss permanent aufrechterhalten werden. So wie man bei einem Laden immer schauen muss, dass alles läuft. Es gibt also Investitionen in die Plattform, die permanent getätigt werden müssen. Das darf man nicht vergessen.
Was hat sich beim HDSL verändert, dass er die Branchenlösung ECC nun noch aktiver vorantreibt?
Carl-August Seibel: Die ANWR hatte vor noch vor nicht allzu langer Zeit die Idee, das Datenclearing selbst zu übernehmen. Das haben wir Lieferanten als Kampfansage verstanden. Jetzt ist die Situation eine andere. Das Verständnis, das wir in den letzten zwei Jahren entwickelt haben, ist erheblich – und für mich ein ganz entscheidender Unterschied zu früher. Man kann ein Unternehmen nicht voranbringen, wenn einer der Gesellschafter in eine andere Richtung will als die anderen. Alle müssen dasselbe Ziel vor Augen haben. So kamen wir im HDSL-Vorstand zur Entscheidung, uns stärker zu beteiligen. Wir haben lange darauf hingearbeitet, sind seit vielen Jahren Gesellschafter und waren nicht sehr zufrieden damit, wie es lief. Jetzt haben wir die Chance, aktiv mitzugestalten. Das zeigt auf, dass die Industrie es ernst meint in der Zusammenarbeit mit den Verbundgruppen. Es ist ein echtes Statement.
Stephan Krug: In den zurückliegenden Jahren haben wir uns kontinuierlich auf den jetzigen Punkt hinbewegt. Die Datenqualität, der Service, die Erreichbarkeit, alles hat sich verbessert. Das wird auch positiv wahrgenommen. Wir wollen nicht stehen bleiben, sondern uns dauerhaft weiter verbessern. Aus einem Gut kann man auch ein Sehr gut machen. Für den letzten Schritt war es daher wichtig, die vollständige Verantwortung für das Clearing Center zu übernehmen.
Stefan Nicolai: Für uns war das Arbeitsziel 2023, Vertrauen zurückzugewinnen und die Performance des ECC wieder zu zeigen. Wir waren davor kaum noch sichtbar, es gab keine Newsletter und wenig Kommunikation. Die Gesellschafter haben sich im operativen Bereich sehr stark engagiert und mich unterstützt, um die richtigen Leitplanken zu setzen. Jetzt sind wir in einem Dienstleister-konformen Setting.
Welche Leistungen wird das ECC künftig bieten?
Stefan Nicolai: Ein wichtiger Part wird das Thema Datenqualität sein. Der Digitalisierungspass ist fertig und wird noch im ersten Halbjahr allen Marktteilnehmern zur Verfügung stehen. Er bewertet die eingelieferten Informationen – noch nicht hinsichtlich ihres Inhaltes, sondern zunächst auf Vollständigkeit. Der zweite Schritt – da kommt die KI ins Spiel – ist die Frage, wie aus den vorhandenen Informationen neue generiert werden können. Das ist gerade in der Kleinsterprobung. Wir klären, wie wir aus einem Bild so viele Informationen ziehen können, dass eine Absatzhöhe, eine Warengruppe oder ähnliches ergänzt werden können, um mögliche Datenlücken zu schließen. Weitere Technologien würde ich als Weiterentwicklung dessen sehen, was wir haben. Ein wichtiges Feld ist die Konnektivität: Es ist eine zentrale Aufgabe des ECC, das Netzwerk zu sein. Ziel ist es, dass sich die Partner, egal auf welcher Seite, über das Vernetzen keine Gedanken machen müssen. Nehmen wir das neue Tool Elvis – da hat vor Kurzem das Onboarding von einem HIS-Händler stattgefunden – binnen weniger Stunden war die Sache erledigt, weil die Datenautobahn schon existierte. Wir werden das System also so aufbauen, dass es maximal kompatibel ist – zu welchen Schnittstellen auch immer. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir genauer in den Markt hören müssen: Was braucht der Handel und was generiert bei allen Parteien Mehrwerte?
Wie wollen Sie verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen?
Martina Novotny: Jetzt, wo wir gemeinsam verantwortlich sind, ist das Vertrauen da, dass es in die richtige Richtung geht. Das hat auch damit zu tun, dass wir gezielt fragen: Was braucht ihr, wo habt ihr Probleme? Die Liste ist schier endlos. Wenn wir die wichtigsten Punkte herausgreifen und lösen, spüren das die Händler.
Stephan Krug: Wenn ein Händler eine deutliche Erleichterung wahrnimmt, kann man ihn am einfachsten überzeugen. Dafür müssen die Prozesse funktionieren. Die Vision muss sein, dass die gesamte administrative Abwicklung der Lieferanten vollautomatisiert läuft, von der Bestellungsvorbereitung über Bestellung, Nachorder, die ganze Dokumentation, die mit der Ware kommt, die automatische Rechnungskontrolle und die automatische Rechnungsarchivierung bis zur Überspielung der Buchungssätze an den Steuerberater. Dass keiner mehr Hand anlegen muss, sondern das System automatisch durchläuft. Und darauf aufbauend dann Leistungen, die das Leben leichter machen.
Stefan Nicolai: Das sind genau die Punkte, die wir künftig zentralseitig bearbeiten können. Das ist, was der Handel braucht. Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen gehört, dass wir uns auch um die vermeintlich kleinen Themen kümmern. Dadurch können wir Berührungsängste lösen.
Carl-August Seibel: Es ist bedauerlich, dass wir nicht schon früher an diesen Punkt gekommen sind.
Stephan Krug: Man muss regelmäßig, ergebnisorientiert und konstruktiv miteinander sprechen. Vielleicht haben wir nicht genügend getan oder es haben nicht die richtigen Menschen miteinander gesprochen. Gut, dass wir das erkannt haben.
Ein Thema ist die Internationalität. Viele Händler bemängeln, dass kleinere Hersteller, zum Beispiel aus Italien oder Spanien, nicht EDI-fähig seien. Diese sind aber wichtig für das vielfältige Angebot im Handel. Wie kann man sie gewinnen?
Carl-August Seibel: Das ist ein echtes Problem und bezieht sich auch auf einige kleinere Firmen in unserem Verband. Meine persönliche Meinung ist: Da wird sich die Spreu vom Weizen trennen. In spätestens drei Jahren wird das Gros der Schuhhändler es nicht mehr akzeptieren, wenn Unternehmen nicht EDI-fähig sind. Man muss als Hersteller immer up-to-date sein. Wir reden nicht über High End-Digitalisierung, sondern über Standards.
Stefan Nicolai: Ich sehe zwei Trigger: Je größer die Nachfrage der Händler, desto geringer erscheinen die Kosten. Wir haben im Übrigen auch kleinere Modelle für Lieferanten mit weniger Kunden. Und der zweite Punkt ist, dass wir als Branche eine gemeinsame Sprache sprechen und beispielsweise signalisieren: Du möchtest auf dieser Messe ausstellen? Dann gibt es gewisse Dinge, die in dein Pflichtenheft gehören.
Carl-August Seibel: Wir betreiben schon seit Jahren einen erheblichen Aufwand, um die Branche insgesamt voranzubringen. Und an manchen Punkten muss man auch sagen: Entweder machst du mit oder du bist nicht dabei. Wer mitmacht, muss die Spielregeln einhalten.
Martina Novotny: Das wird sich ergeben. Je besser unser Angebot ist, desto mehr werden mitmachen wollen. Dann wird das ein Selbstläufer. Dann spricht es für sich. Es wird immer ein paar geben, die nicht wollen. Entweder sind sie so klein, dass das nicht weiter ins Gewicht fällt – oder das Signal muss sein: Übernimm bitte den Branchenstandard, weil das 80% der anderen auch tun. Wir müssen den Startpunkt setzen und etwas erarbeiten, das die Chance zum Branchenstandard hat, und das geht nur, wenn wir zusammenarbeiten.