Das sind keine guten Aussichten: Der aktuellen Sneaker-Welle haben die klassischen Schuhhersteller nicht viel entgegen zu setzen. Der Handel hat nicht genügend Kompetenz aufgebaut, um die steigenden Ansprüche der Verbraucher zu erfüllen. Ein Drittel der Händler wird die derzeitigen Veränderungen nicht überstehen. Und wahrscheinlich ebenso viele Industrieunternehmen. Und immer noch wird zu viel diskutiert und zu wenig wirklich angepackt. Es ist ein Szenario, das keinen kalt lassen dürfte: Der Unternehmer Carl-August Seibel zeichnet im Interview mit unserem Magazin ein eher bedrückendes Bild von der Zukunft unserer Branche. Er weiß wie kaum ein anderer, wovon er spricht. Das Familienunternehmen, das er in vierter Generation führt, wurde 1886 gegründet und gehört zu den ersten Schuhproduzenten in Deutschland. Seibel selbst stieg 1983 ein und trieb die Expansion zügig voran. Neue Märkte wurden erobert. Neue Marken kamen zum Portfolio dazu. Carl-August Seibel experimentierte als Händler mit eigenen Konzepten – und wagte im Jahr 2010 den spektakulären Einstieg beim angeschlagenen Filialisten Leiser/ Schuhhof. Angst vor unerwarteten Schritten hatte der Unternehmer nie. Und er scheute auch geradezu brutale Risiken nicht. Immer suchte und erkannte er Chancen, hatte das Ohr nah an der Branche und wagte Ungewohntes. Gerade deshalb lässt aufhorchen, dass Seibel heute im Interview sagt, eine derart intensive Verschiebung, wie sie derzeit im Markt stattfinde, habe er in den zurückliegenden 30 Jahren nicht erlebt. Das will was heißen von einem, der die Branche wie seine Westentasche kennt und beide Seiten – Industrie und Handel – versteht.
Für den HDS/L ist Carl-August Seibel eine gute Wahl. Unprätentiös, pragmatisch, schnell in seinen Entscheidungen, verbindlich, konsequent. Einer, den man in der Branche als „ehrliche Haut“ beschreibt, der klare Worte spricht und einer, der nicht nur ans Business denkt, sondern auch mal für einen Spaß zu haben ist. Mit Seibel hat der Industrieverband einen Mann an der Spitze, der um den Ernst der Lage weiß. Er wird fortsetzen, was Ralph Rieker in vielen Bereichen erfolgreich angestoßen und auf die Bahn gebracht hat. Das Zeitfenster, das der Pfälzer sich gesteckt hat, ist allerdings nicht gerade komfortabel: In zwei Jahren, so seine Ansage, solle Wesentliches erreicht sein in Sachen Vernetzung und Digitalisierung. Zwei Jahre – das ist auch die Zeitspanne, die vor Kurzem der ANWR- Vorstandsvorsitzende Günter Althaus definierte, um zentrale Themen umzusetzen. Es fällt nicht schwer, hier Parallelen zu erkennen. Sie drängen sich geradezu auf. Mit der Devise ’machen, nicht nur diskutieren‘ stehen die Chancen gut, dass am Ende der zwei Jahre Erfolge stehen werden. Für alle.