„Unfassbar!“

Lockdown-Verlängerung: So reagiert die Branche

Leere Innenstädte in der Corona-Pandemie, auch in Nürnberg. (Foto: Gierdre Ti/Unsplash)
Leere Innenstädte in der Corona-Pandemie, auch in Nürnberg. (Foto: Gierdre Ti/Unsplash)

Tiefschlag für den Schuh- und Modehandel: Statt einer klaren Öffnungsperspektive bleibt es bei der Lockdown-Verlängerung. Was sagen Branchenakteure? schuhkurier fragte nach.

„Die Friseure dürfen ab Anfang März öffnen – und der Schuhhandel bleibt zu? Unfassbar!“ – die erste Reaktion eines großen Filialisten kam noch während Bundeskanzlerin Angela Merkel die Presse über die getroffenen Entscheidungen informierte. „Wie soll das gehen, bei einem Inzidenzwert unter 35 je nach Bundesland öffnen? Wir sind in mehreren Bundesländern aktiv, wie sollen wir das steuern, wo geöffnet ist und wo nicht, wo Ware angenommen wird und wo nicht? Das kostet zusätzlich Geld und Ressourcen“, so die erzürnte Reaktion eines anderen Händlers.

Auch SABU-Geschäftsführer Stephan Krug hat eine klare Meinung zu den jüngsten Beschlüssen: „Insgesamt sind wir mit den gestern getroffenen Entscheidungen natürlich überhaupt nicht zufrieden, es fehlt nach wie vor eine konkrete, nachvollziehbare und realistische Eröffnungsperspektive!“ Der Modeeinzelhandel werde weiterhin in „Sippenhaft“ für das Fehlverhalten einzelner Gruppen im privaten Bereich genommen, obwohl er doch nachgewiesenermaßen nicht für die hohen Inzidenzen verantwortlich ist.
Krug stellt konkrete Forderungen an die Entscheider in Berlin: „Statt einer Lockdown-Verlängerung bis zum 7. März 2021 fordern wir eine sofortige Öffnung unserer Geschäfte, dies konsequenterweise unter strikter Einhaltung der geltenden Hygiene- und Abstandsregelungen. Gesundheit steht auch bei unseren Händlern über allem.“ Man empfinde die 7 Tage-Inzidenz von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner als willkürliche und nicht nachvollziehbare Zahl. „Im Mittelpunkt der präventiven Aktivitäten sollten vielmehr ein unkompliziertes, schnell zugängliches Corona-(Schnell-)Testkonzept sowie konkrete, zeitnahe und umfassende Impfungen der Bevölkerung stehen. Der Modehandel soll hier die Fehler der Politik ausbaden – das kann und darf nicht sein!“
Die Ungleichbehandlung des Modehandels im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen, was die Öffnung und den Verkauf von Schuh-, Sport- und Textilsortimenten betrifft, sei weiterhin nicht hinnehmbar, so Krug.
Positiv zu erwähnen sei immerhin, dass die seit langem versprochene Überbrückungshilfe III jetzt nach vielen, „auch von uns eingebrachten und erfolgten Nachbesserungen“, ab sofort beantragt werden könne und dass Abschlagszahlungen voraussichtlich ab 15. Februar erfolgen können. Die nach den erzwungenen Schließungen dringend erforderliche Rekapitalisierung des Handels und die Erhöhung der Attraktivität der Innenstädte müssten, so Krug, zeitnah auf die weitere Agenda.

„Es fehlt eine klare Perspektive“

„Die Pandemie bleibt eine Katastrophe für den Fachhandel“, sagt Dr. Karsten Niehus, Geschäftsführer von GMS. „Die neuen Beschlüsse der Bundesregierung ebenso. Es besteht keine klare Perspektive, da völlig unklar ist wie sich die Kennzahlen in Anbetracht der Mutationen entwickeln. Wir wissen nicht, ob die hochansteckenden Mutationen das Erreichen der 35 verhindern wird.“ Es fehle zudem eine klare Perspektive, weil unklar sei, ob die Inzidenzschwelle in zwei Wochen eventuell auf 20 oder 15 gesetzt werde „um das Erreichte nicht zu gefährden“ oder das Land auf neue Virusvarianten vorzubereiten. Dr. Niehus: „Insofern sind wir skeptisch.“ Denn sieht der GMS-Chef auch Lichtblicke. Die Überbrückungshilfe III stelle eine echte Perspektive für den gesunden Facheinzelhandel dar. Richtig eingesetzt könne der Fachhandel damit den Lockdown – egal ob er noch vier, acht oder zwölf Wochen dauert - mit zwei blauen Augen überstehen und erhalte die dafür notwendige Unterstützung vom Staat. „Verlorene Gewinne kann der Handel damit sicher nicht kompensieren. Aber er kann seine Existenz sichern, um danach neue Perspektiven zu entwickeln“, so Dr. Karsten Niehus.

„Die Existenz vieler Unternehmen ist bedroht“

Auch aus Mainhausen kommt Kritik an den jüngsten Entscheidungen: „Die Verlängerung des Lockdowns bis mindestens zum 7. März bedeutet eine Verschärfung der finanziellen und mentalen Belastungen für den selbständigen Einzelhandel“, erklärt ANWR-Vorstandssprecher Frank Schuffelen gegenüber schuhkurier. Mit dem angestrebten Inzidenzwert von jetzt 35 sei die Latte noch einmal etwas höher gelegt worden als der bisherige Zielwert von 50. Auch stellten sich bei Erreichen dieses Zielwertes eine Vielzahl von weiteren Fragen, die keine klare Perspektive zur Öffnung der Geschäfte erkennen ließen. Zudem würde die Zuständigkeit der Öffnungsschritte auf die Bundesländer verlagert, was eher für eine regionalen Flickenteppich sprechen würde. „Neben der fehlenden klaren Öffnungsstrategie wurde das niedrige Infektionsrisiko auf den Ladenflächen bei sachgerechter Umsetzung der Hygieneregeln im Einzelhandel nicht berücksichtigt“, so Schuffelen weiter. „Die Existenz vieler Unternehmen ist aktuell massiv bedroht. Die Händler müssen neben den laufenden Verpflichtungen zusätzlich die aktuelle Frühjahr-/Sommer Ware bezahlen, die derzeit zur Auslieferung bereitsteht. Deswegen sollten die Voraussetzungen für eine Erweiterung der Höchstgrenzen für den KfW-Schnellkredite und eine unbürokratische Möglichkeit einer höheren Inanspruchnahme der KfW-Kreditprogramme geschaffen werden. Daneben erwarten wir, dass dem Versprechen, die Überbrückungshilfe III schnell auszuzahlen, umgehend Taten folgen.“

Im Schuh-, Sport- und Modehandel würde zwischen Januar und März gut ein Drittel des Wareneingangs der Frühjahrsware ausgeliefert. „Die Zahlung dieser Lieferungen verschiebt sich in diesem Jahr, durch die Gewährung von Zahlungszielen, überwiegend in den März. Mit jeder Verlängerung des Lockdowns steigt die Unterdeckung und Belastung der Liquidität in Höhe des fehlenden Umsatzes“, betont Schuffelen.

„Uns war klar, dass der Lockdown verlängert wird. Wir gehen sogar von Ostern aus. Über jeden Tag, den wir früher öffnen dürfen, freuen wir uns natürlich“, sagt Cornelius Schnabel vom Schuhhaus Schnabel in Lüneburg. Der Lockdown light im November habe gezeigt, wie sehr die Gastronomie zum Shoppen gehört. „Es wurden Bedarfskäufe erledigt, aber der so wichtige Shopping-Kunde blieb zuhause. Das darf im Frühjahr nicht schon wieder passieren. Wenn wir öffnen dürfen, dann bitte mit der Gastronomie“, so Schnabel weiter. Da sein Unternehmen in den letzten Jahren stark auf online gesetzt habe, würden es gut durch die Krise kommen. Cornelius Schnabel: Die Shopping-Welt wird sich weiter verändern. Wir sind dabei, auch mit der Stadt neue Konzepte für die Zukunft zu entwickeln. Denn einfach Ware in die Läden zustellen, wie es die Großfilialisten tun, und warten bis der Kunde kommt, das läuft nicht mehr. Wir müssen mehr bieten, um ein Gegenpool zum Online-Handel zu sein, damit beides funktioniert. Ich freue mich auf unsere Kunden und die Messen im Herbst, damit wir endlich auch viele Kollegen und Hersteller wiedersehen können. Der persönliche Kontakt fehlt uns sehr.“

Auch auf Seiten der Industrie sorgt die Lockdown-Verlängerung für Kritik.„Die Stimmung im Handel ist total im Keller. Auch für die Unternehmen, die in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet haben, wird es nun kritisch. Viele haben Angst um ihr Lebenswerk. Die Kritik an den politischen Entscheidungen nimmt immer mehr zu. Auch mir fehlt die logische Begründung der Maßnahmen“, sagt Christoph Gessner, Geschäftsführer von Tom Tailor-Lizenznehmer Supremo. Es werde aktuell gefühlt mit zweierlei Maß gemessen. Der Schuhhandel habe im Sommer und Herbst intensiv in Schutz- und Hygienemaßnahmen investiert. Es sei nicht nachzuvollziehen, warum es nicht möglich sein sollte, unter Beachtung aller Vorgaben die Läden zu öffnen. Zumal nun sogar die Friseure wieder öffnen können. „Aber das Infektionsrisiko dürfte beim Friseur deutlich höher sein als im Schuhhandel. Es ist bitter, dass nun die dritte Saison in Folge betroffen ist. Dabei hätte in den vergangenen Monaten das Wetter endlich mal wieder perfekt gepasst. Ich drücke allen stationären Händler die Daumen, dass sie bald wieder Schuhe verkaufen können. Die aktuelle Lage tut auch uns als Lieferant weh. Wir müssen alle an einem Strang ziehen, um diese Krise zu bewältigen“, so Gessner.

 
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Petra Steinke / 11.02.2021 - 15:12 Uhr

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