„Kunden heiß machen“

So kann der Neustart in der Lederwarenbranche gelingen

Vertreter von Handel, Verbundgruppen und der Industrie diskutierten über die Situation der Lederwarenbranche und die Zukunft nach dem Lockdown. (Foto: Screenshot)
Vertreter von Handel, Verbundgruppen und der Industrie diskutierten über die Situation der Lederwarenbranche und die Zukunft nach dem Lockdown. (Foto: Screenshot)

Wie kann die Lederwarenbranche nach Ende des Lockdowns neu starten? Darüber diskutierten Vertreter von Handel, Industrie und Verbundgruppen beim „Offenbacher Branchengespräch“ in der Messe Offenbach.

Wenn die Modebranche eines eint, dann ist es wohl ihr Optimismus - nach außen hin auf jeden Fall. Die Läger mögen noch so voll sein, die Liquidität noch so angespannt. Doch Achim Bruder von Abro empfand auf der Orderveranstaltung Supreme in Düsseldorf eine „erstaunlich“ gute Stimmung bei seinen Kunden. „Die Modehändler blicken nach vorne.“ Viele von ihnen dekorierten aktuell regelmäßig ihre Schaufenster neu, „um die Kunden heiß zu machen“ für die Zeit nach der Wiedereröffnung der Geschäfte. Den Händlern sei bewusst, dass sie Mode nicht einlagern könnten, sondern für Herbst/Winter 21/22 frische Impulse brauchten.

Das bestätigt Michael Bailly, der unter dem Namen Bailly Diehl 14 Modegeschäfte im Rhein/Main-Gebiet führt. Zwar habe er aktuell Ware im Wert von rund 3 Mio. Euro auf Lager. Sie werde er „irgendwohin“ veräußern, „vielleicht an einen Aufkäufer. Aber mit bekannter Ware bekommen wir die Kunden nicht an die Kasse.“ Sein Kernproblem sei eine gekürzte Orderreserve, da ihm rund 1,5 Mio. Euro VK aus der letzten F/S-Saison fehlten. 

„Die Kunden wollen Neues sehen“, ist auch Lederwarenhändlerin Nina Kiesow überzeugt und lässt daher die aktuelle F/S-Ware liefern. Im Gegensatz zu Michael Bailly will sie ihre Altbestände aber nicht verramschen. Dann flögen ihr die Preise und Rabatte nur „an anderer Stelle um die Ohren“. Standard-Ware werde sie einlagern. „Und Mode haben wir zum Glück recht gut abverkauft.“ Goldkrone-Geschäftsführer Hans Peter Stückler bestätigte: „Bei Reisegepäck oder Schule macht es keinen Sinn zu reduzieren.“

Corona beschleunigt längerfristige Entwicklungen

 

Vom Frequenzrückgang in den Städten über die Digitalisierung bis zum Megatrend Nachhaltigkeit: Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass die Corona-Krise bekannte Entwicklungen verschärft bzw. vorantreibt. Beispiel Digitalisierung: Bedarfskauf würden immer mehr im Internet erledigt, berichtete Georg Picard. Für Günter Althaus (Plattform hoch 2 GmbH) steht daher außer Frage, dass stationäre Händler ihre Kunden künftig online über die Warenverfügbarkeit informieren müssen. Alle Kommunikationsmaßnahmen müssten zum Ziel haben, die Kunden ins Geschäft zu bringen. „Wenn wir öffnen, müssen wir den Kunden einen Grund geben zu kommen. Das können nicht nur Preise sein. Wir brauchen Themen, Geschichten, ungewöhnliche Maßnahmen.“ Ansonsten werde der stationäre Mode- und Lederwarenhandel nicht gehört, wenn beim Restart alle Marktteilnehmer „aus allen Rohren“ kommunizieren.

Tools wie Click & Collect gibt es seit Jahren, würden aber erst jetzt genutzt, ergänzte Georg Picard. Michael Bailly bezifferte seinen Click & Collect-Umsatz mit 500.000 Euro. „Die Leute sind vor dem Geschäft Schlange gestanden. Es war sehr schön, diese Bindung zu den Kunden zu spüren.“ Daher denke er über einen Einstieg ins Online-Business nach. Ihn treibe dabei die Frage um, wie er „online in anderer Form“ emotionalisieren und individualisieren könne.

Der Bedarf der Verbraucher ist also da. Constanze Alef (Taschenlabels Fredsbruder und Seidenfelt) sieht in der Wiedereröffnung der Geschäfte daher eine sehr große Chance für den stationären Handel. Die Städte litten seit Jahren unter einem Rückgang der Frequenzen. „Diese Anfangseuphorie der Kunden sollte der Handel nutzen, um seine eigene Wichtigkeit zu unterstreichen.“ Dafür brauche es eine besondere Willkommenskultur.

Um die Attraktivität der Städte zu erhöhen, sei aber nicht nur der Handel gefragt. Von den Verantwortlichen der Stadtplanung und des Shopping-Center-Managements gefragt komme zu wenig, so Picard. Ein Vorbild sei Amsterdam, wo mit Hilfe öffentlicher Unterstützung „Charakterläden“ eine Chance in der Innenstadt hätten. 

Die Corona-Pandemie treibt zudem die Entwicklung partnerschaftlicher Konzepte voran, so der einhellige Tenor. Axel Bree vom Reisegepäckspezialisten Stratic denkt dabei über die derzeit verbreiteten individuellen Vereinbarungen zur Liquiditätssicherung hinaus. So könne der Händler zum Beispiel eine modische Tasche im Geschäft zeigen. Beim Kauf werde der Kunde dann direkt aus dem Lager des Herstellers beliefert. Georg Picard regte an, Händler in die Social Media-Konzepte der Lieferanten mit Influencern zu integrieren. In diese Lösungen lasse sich ein Warenkorb einbauen, so dass mit Hilfe von Social Media der Verkauf bei den Händlern angekurbelt werden könnte.

Noch sind solche Konzepte in der Lederwarenbranche weitgehend Zukunftsmusik. Aber die Voraussetzungen für neue Wege und Veränderung waren vielleicht noch nie so gut. „Die Bereitschaft aufeinander zuzugehen, ist größer geworden“, stellt Hans Peter Stückler zumindest fest. „Wir kommunizieren intensiver und offener miteinander.“

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Tobias Kurtz / 09.02.2021 - 16:28 Uhr

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