Interview mit Dominik Benner

„Turbulente Zeiten“

Dr. Dominik Benner, Gründer von The Platform Group (Foto: The Platform Group)
Dr. Dominik Benner, Gründer von The Platform Group (Foto: The Platform Group)

The Platform Group wurde 2013 gegründet und ist heute in 15 Branchen aktiv. Firmengründer Dr. Dominik Benner spricht über die aktuelle Konsumflaute und erklärt, warum er mit Wrestler „The Machine“ Tim Wiese zusammenarbeitet. 

schuhkurier: Herr Dr. Benner, wie geht es Ihnen?

Dr. Dominik Benner: Es sind gerade turbulente Zeiten im Onlinehandel. Das erste Mal, seit ich in diesem Business bin, wächst der Onlinehandel nicht. Das ist eine Entwicklung, mit der keiner gerechnet hat – auch die Onliner nicht. Das ist etwas ganz Neues, mit dem wir derzeit umgehen müssen.
 

Der Ukraine-Krieg hat sich unmittelbar auf den Konsum ausgewirkt…

Wir haben Krieg, eine massive Inflation und wir haben immer noch Corona. Diese drei Faktoren zusammen sorgen für deutliche Kaufzurückhaltung. Die Menschen haben Sorge, Geld auszugeben. Das kann man nachvollziehen, wenn nicht klar ist, wie hoch die nächste Nebenkostenabrechnung ausfallen wird. Auch die zuletzt noch geltende Maskenpflicht wirkte sich meiner Meinung nach negativ auf das Konsumverhalten aus. Wir hatten Mitte März Sonnenschein und warme Temperaturen. Die Innenstädte waren voll. Das Problem: Die Kunden haben nicht gekauft. Sie kamen in die Läden, haben sich Sachen angeschaut. Aber sie haben nicht gekauft. Und auch online tat sich nicht viel.
 

Es herrscht eine große Verunsicherung…

Ja, die Menschen haben Angst. Das ist ein großes Problem. In der Corona-Zeit gingen die stationären Umsätze deutlich runter, dafür stiegen sie online. Man hat drei Jahre Entwicklung im Onlinehandel binnen kürzester Zeit realisiert. Jetzt aber spürt man durch die aktuellen Konflikte, dass die Menschen auch hier weniger konsumieren.
 

Betrifft dieses Phänomen im Besonderen den Mode- und Schuhhandel?

Wir sind in 15 verschiedenen Branchen aktiv, vom Fahrrad über Schmuck bis hin zu Möbeln. Damit haben wir ein ganz gutes Bild von dem, was sich gerade abspielt. Und die Kaufzurückhaltung ist überall spürbar. Sie betrifft alle Warengruppen – außer natürlich Lebensmittel. Dabei haben die Menschen bis zuletzt sehr gut konsumiert. Das können wir an unserer Möbelplattform erkennen. Noch bis Weihnachten wurde massiv gekauft. Seit die Themen Ukraine und Inflation auf dem Tisch sind, haben wir dort Rückgänge zu verkraften. Die Leute sind vorsichtig und geben kein Geld mehr aus.
 

Der Handel ist wiederum bei der Order davon ausgegangen, dass die Pandemie allmählich abklingt und man kraftvoll neu starten kann…

Die Händler haben ihre Order in der Pandemie immer stärker reduziert und zugleich online und stationär weiter verkauft. Sie haben ihr Lager heruntergefahren. Erst mit dem Eintreffen der ersten Ware für F/S erholten sich die Lagerbestände wieder. Das passiert durch eine deutliche Mehr-Order, teilweise um bis zu 50% über Vorjahr. Händler müssen ihr Lager-Defizit massiv ausgleichen. Dieser Aufhol-Effekt hat jetzt begonnen. Zugleich sind die Umsätze derzeit im Geschäft eher schlecht. Und das bei eigentlich besten Bedingungen. Für die rückläufigen Online-Umsätze gibt es noch eine weitere Erklärung.
 

Welche?

Gravierende Auswirkungen hat die Veränderung des Google Search-Algorithmus. Damit sind die Kosten für Google Anzeigen um bis zu 40% gestiegen. Unternehmen müssen also deutlich mehr Geld ausgeben. Das hat zur Folge, dass Anbieter in die Insolvenz gehen, die für verschiedene Branchen Artikel listen und verkaufen. Die haben alle gerade massive Probleme.

 

Sie haben ein neues ERP-System eingeführt. Warum?

Wir wollen den teilnehmenden Händlern mehr Informationen an die Hand geben. Mit unserer neuen Systematik ist es möglich, dass man beispielsweise genau kontrollieren kann, welche Abschriften zu welchen Preisen erfolgt sind. Die Inflation, wie wir sie derzeit erleben, hat einen riesigen Effekt auf die UVP. Viele Hersteller erhöhen die Preislagen um 5 bis 10 Euro. Das heißt, wir müssen hinterher sein, damit die neuen Preise schnell genug im System hinterlegt werden und die Händler keine Verluste machen. Es ist ein sehr mächtiges Tool, das wir im Hintergrund gebaut haben, um Preiserhöhungen sofort nachziehen zu können. Das zweite Thema sind die Bestseller. Händler können live und über verschiedene Zeiträume verfolgen, wie sich einzelne Artikelbestände gerade entwickeln. Man sieht auf einen Blick, wie viel verkauft wurde, was ausgezahlt wird und wie hoch die Stornoquoten und Retouren sind. Das war in dieser Ausführlichkeit vorher nicht möglich.
 

Was kostet das neue ERP-System die angeschlossenen Händler?

Nichts. Das ist kostenlos für alle Mitglieder. Jeder kann es so nutzen, wie er möchte. Wir werden im übrigen noch weitere Leistungen ergänzen. Mitte April wird es möglich sein, über das ERP-System auch Facebook- und Instagram- Posts zu steuern und verwalten.
 

Wie sehen Sie die Entwicklung im Schuhbereich innerhalb der Platform Group?

Von unseren 190 Mio. Euro Umsatz im vergangenen Jahr hatten Schuhe einen Anteil von 45 Mio. Euro. Das Taschensegment erreichte einen einstelligen Millionenbetrag. Schuhe stagnieren. Wir haben zwar einen Umsatzeffekt durch höhere Preise. Aber in Summe wird sich die Anzahl der Händler nicht mehr wesentlich verändern. Es sei denn, Händler gehen in die Insolvenz oder geben aus Altersgründen auf. Das kann man derzeit beobachten. Selbst Unternehmen, die schon lange auf dem Markt sind, verschwinden. Im Gegenzug gibt es kaum nennenswerte Neugründungen. Es ist für den Schuhhandel auch nicht leicht an Geld zu kommen.
 

Das liegt unter anderem an den Ratings der Kreditversicherer…

Genau. Damit ist es für Schuhhändler erschwert, Kredite zu bekommen. Dafür haben wir im Übrigen eine Lösung entwickelt. Wir bieten Finanzierungsvermittlung. Ein Händler kann ohne Kreditprüfung sofort für sechs Monate einen Kredit bekommen. Derzeit sind es maximal 50.000 Euro; diese Summe werden wir in den kommenden Wochen auf 200.000 Euro erhöhen. Der Kredit ist ganz einfach über unser Portal abrufbar. Nach sechs Monaten zahlt der Händler zurück. Wir verdienen daran nichts; uns ging es um die Kreditprüfung. Im Hintergrund ist eine Volksbank angebunden, die einen entsprechenden Gebührensatz hat – je nach Zinslage zwischen 7 und 10%.
 

Sie sagen, der Schuhhandel stagniert. In welchen Branchen gibt es für die Platform Group Wachstum?

Wir sind 2013 mit Schuhe24 gestartet. Irgendwann ist eine Branche verteilt. Dann hat sich eingependelt, wer online geht und wer nicht. In anderen Branchen ist das noch nicht der Fall, etwa bei den Juwelieren. Da gibt es keine Verbundgruppen oder Branchenplattformen. Ähnlich verhält es sich bei Baumärkten und Möbelhändlern, diese Branchen stehen noch ganz am Anfang.
 

Welche Branche macht Ihnen besonders viel Spaß?

Der Maschinenhandel. Wir haben vor zwei Jahren Maschinen die Firma Gindumac von Krauss Maffei gekauft. Die verkaufen weltweit Gebrauchtmaschinen. Wir übernehmen die komplette Transaktion, vom Abbau und Transport der Maschine bis zum Wiederaufbau. Viele Unternehmen sind auf solche Gebrauchtmaschinen angewiesen. Damit das alles ein bisschen cooler wird, haben wir mit dem früheren Wrestler und Fußballspieler Tim Wiese, „The Machine“, Videos gedreht. Das war richtig cool. Im Maschinenbereich gibt es eine Marge von 18% netto zu netto. Damit müssen dann auch alle Kosten abgedeckt werden.
 

Wird es bei Schuhe24 zu Preissteigerungen kommen?

Alle Preise werden steigen, nur unsere nicht! Es gibt eine Inflation – aber nicht bei uns. Wir erhöhen keine Gebühren – und wir geben keinen Rabatt.
 

Es gab zuletzt in der Schuhbranche Unmut, weil es zu Zahlungsverzögerungen kam…

Das lag daran, dass unsere Abrechnungsprozesse nicht automatisch liefen. Wir mussten für mehrere tausend Händler die DHL-Gebühren manuell eintragen. Das haben wir jetzt gelöst. Seit dem 1. März läuft alles automatisch, auch die Zahlungen. Dass es Unmut gab, kann ich gut nachvollziehen. Früher war das einfach, da kannte man alle Händler persönlich und die Prozesse auswendig. Heute, mit insgesamt 3.900 Händlern, geht das nicht mehr. Deshalb haben wir alle Händler per Newsletter informiert: „We did it“ – das Problem ist gelöst.
 

Sie haben im vergangenen Jahr neue Projekte angekündigt, darunter das Thema Second Hand. Wie weit sind Sie in diesem Bereich?

Wir wollen erreichen, dass der stationäre Händler gebrauchte Produkte wieder entgegennimmt und sie dann z.B. bei Mädchenflohmarkt platziert. Der Händler macht damit keinen Gewinn, sorgt aber dafür, dass der Kunde wieder in den Laden kommt. Anfangs gab es gewisse Irritationen von Händlern, die meinten, sie wollen keine gebrauchte Ware zurücknehmen. Wir glauben aber: Doch, denn der Händler kann der Kundin eine Vergütung von Mädchenflohmarkt und einen Gutschein vom Geschäft geben. Das ist doch geil! Wir wollten das Thema aber nicht als alleinige Schuhe24-Lösung etablieren, sondern als Konzept für die gesamte Branche. Daran arbeiten wir gerade.
 

Das zweite Projekt war das Thema Nachhaltigkeit über die neue Plattform Greenlocal. Wie steht es damit?

Ich muss zugeben, dass wir damit noch nicht weitergekommen sind. Die Plattform gibt es derzeit als Betaversion im Testmodus. Sie wird aber dieses Jahr noch online gehen.
 

Haben die Kunden durch Corona und Ukraine weniger Interesse am Thema Nachhaltigkeit?

Nein, da habe ich keine Sorge. Wir haben nur gemerkt, wir können nicht alles auf einmal gebacken kriegen.
 

Welche Pläne haben Sie für den weiteren Jahresverlauf?

Wir wollen mit unserer Nachhaltigkeitsplattform online gehen und unser ERP-System mit neuen Funktionen weiterentwickeln. Und wir wollen uns als Platform Group auf etwa 30 Branchen verdoppeln. Wir werden dieses Jahr noch weitere Übernahmen realisieren, etwa im Bereich Maschinenbau, Apotheke und Grill/Garten/Outdoor – aber keine im Schuhbereich.
 

Wie wird 2022 für die Schuhbranche laufen?

Von Mode und Farben habe ich keine Ahnung, aber das Thema Inflationsentwicklung ist kein Kurzzeit-Effekt. Dadurch wird es deutliche Rückgänge geben. Eine weitere Herausforderung ist die Finanzierungslage der Händler. Die wird noch schwieriger. Es gibt Hausbanken, die interessieren sich nicht mehr für das Lager. Gleichzeitig werden Warenfinanzierungsbanken vorsichtiger. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.                 

 
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Petra Steinke / 14.04.2022 - 15:08 Uhr

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