„Unglückliches Timing“

Warum Gebrüder Götz einen Investor sucht

Frank Beermann (li.) und Oleg Shpigel, seit 2021 Geschäftsführer des Onlinehändlers Gebrüder Götz (Foto: Gebrüder Götz)
Frank Beermann (li.) und Oleg Shpigel, seit 2021 Geschäftsführer des Onlinehändlers Gebrüder Götz (Foto: Gebrüder Götz)

Frank Beermann und Oleg Shpigel bilden die Geschäftsführung des Unternehmens Gebrüder Götz. Aktuell gehört auch Insolvenzverwalter Dr. Gordon Geiser zum Team. Ein Interview über Corona, Kaufzurückhaltung und Konzepte für die Zukunft. 

Sie haben sich per Ende 2020 vom stationären Mode- und Schuhhandel getrennt und sich seit dem auf E-Commerce und Logistik konzentriert. Warum war dieses Vorhaben – trotz Corona und dem insgesamt steigenden Online-Umsatz in 2021 – nicht von Erfolg gekrönt?

Gordon Geiser: Der Begriff Insolvenz hat leider einen negativen Duktus und wird häufig als Scheitern wahrgenommen. Natürlich ist im Vorfeld etwas schief gegangen, sonst würde man ein solches Verfahren nicht starten. Im Fall der Gebrüder Götz bedeutet das Verfahren aber nicht, dass der Prozess, der vorher eingeleitet wurde, gescheitert ist. Es ist vielmehr so, dass die Umstellung auf den Onlinehandel noch nicht ganz abgeschlossen war. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Schiff, das alle Segel gehisst hat, und dem der Wind ordentlichen Schub gibt. Bei Gebrüder Götz waren aufgrund des Transformationsprozesses noch nicht alle Segel gehisst. Darum konnte das Unternehmen den Rückenwind in der Pandemie nicht vollkommen mitnehmen. Es war ein unglückliches Timing, wenn Sie so wollen.
Hinzu kamen dann der Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen auf das Verbraucherverhalten. Das Unternehmen hat vorher schon seine Potenziale nicht voll ausschöpfen können und dann ist ihm der Markt in den Rücken gefallen. An diesem Punkt fiel die Entscheidung, das Verfahren als Chance zu nutzen. Denn eine solche ist es, um den Prozess, den das Unternehmen eingeleitet und zu 80% bereits umgesetzt hat, zu vollenden. Es geht darum, den Sanierungsprozess abzuschließen, unter dem Schutzmantel des Verfahrens.
 

Stichwort mittelfristige Perspektiven – wie sehen diese denn aus, gerade auch vor dem Hintergrund der aktuell so geringen Kauflust?

Oleg Shpigel: Wir gehen davon aus, dass die aktuelle Kaufzurückhaltung nicht ewig bleiben wird und wir wollen darüber hinaus Weichen stellen. Wir planen verstärkt die Anbindung an Marktplätze und ein internationales Wachstum. Wir wollen uns nicht nur auf einen Markt konzentrieren, der vielleicht besonders sensibel auf die aktuelle Situation reagiert. Es ist besser, etwas breiter aufgestellt zu sein.
 

Welche Marktplätze und welche Märkte haben Sie im Visier?

Oleg Shpigel: Bei den Marktplätzen sind wir aktuell auf Amazon, Ebay, Schuhe.de und Zalando vertreten und wir planen ergänzend internationale Plattformen ein. Darüber hinaus werden wir demnächst auf kaufland.de vertreten sein und wir schauen, ob eine Anbindung an Otto und About You möglich ist. Bei den Märkten interessieren uns Frankreich, Belgien, Spanien, Italien, Polen und die Niederlande.
 

Wo sehen Sie aktuell die größten Baustellen für das Unternehmen?

Gordon Geiser: Das Unternehmen steht nicht vor der Aufgabe, sich komplett ändern zu müssen. Es gibt ein Konzept, das auch im Sanierungsgutachten aus dem Jahr 2019 sehr gut herausgearbeitet worden ist. Der Weg ist eingeschlagen und in weiten Teilen umgesetzt. Ziel ist es jetzt, an die Plattformen und die internationalen Märkte ranzugehen. In diesem Zusammenhang haben wir noch interne Themen in der IT zu bewältigen. Wir haben im Unternehmen ein sehr gut funktionierendes System für den Markt, der momentan bedient wird. Aber es muss einfach noch etwas weiter investiert und entwickelt werden, um den Qualitätsstandard, wie er hier in Deutschland existiert, zu implementieren, um eine vergleichbare Qualität auch über andere Plattformen anzubieten. Dafür gibt es konkrete Umsetzungs- und Zeitpläne. Auch sind die notwendigen Lizenzen schon im Unternehmen vorhanden. Eine Baustelle ist sicher, im Eigenverwaltungsverfahren einen Partner mit an Bord bekommen, der auf einer strategischen und am Ende wahrscheinlich auch einer monetären Ebene dem Ganzen unter die Arme greift. Je schneller ein Umsetzungsprozess abgeschlossen werden kann, umso schneller schafft man es raus aus dem bisherigen Markt und desto besser kann man über die ausländischen Marktplätze gehen, um von den Umsatzschwankungen, die sich aus begrenzten Märkten ergeben, unabhängiger zu werden. Wir sind bei der Investorensuche bewusst offen, um den größtmöglichen Nutzen für unser Unternehmen mitnehmen zu können – aber mit dem Ziel, diese letzte Schnittstelle für Marktplätze und internationalen Handel IT-technisch abzuschließen – und dann den gesamten Prozess abschließen zu können.


Gibt es schon Gespräche mit potenziellen strategischen Partnern?

Gordon Geiser: Ja. Wir befinden uns aktuell noch im vorläufigen Verfahren, haben aber schon zu Beginn einen Investorenprozess gestartet, der professionell begleitet wird. Wir haben eine breite Marktansprache realisiert und ein Informationsmemorandum erstellt, in dem auf 70 Seiten das Unternehmen in allen Details mit seinen Chancen und Potenzialen dargestellt wird. Potenzielle Investoren sind gerade dabei, sich das anzuschauen.
Am 1. Juni werden wir das Verfahren eröffnen, dann haben wir das Insolvenzgeld für die vorgesehenen drei Monate genutzt. Ziel ist es, bis dahin einen Investor zu haben, um das Verfahren dann so schnell wie möglich zu einem Abschluss zu bringen. Das wird hier idealerweise über einen Insolvenzplan geschehen; wir sprechen also vom Verkauf des gesamten Unternehmens. Ziel ist es, in einer Gläubigerversammlung Mitte Juli darüber zu entscheiden, dass wir Ende Juli/Anfang August aus dem Verfahren wieder raus sind. Dann wäre der ganze Spuk vorbei. Wir sind zuversichtlich: Es gibt eine Reihe von Finanzinvestoren, die verschiedene Unternehmen einer Branche kaufen und dann Synergien heben. Ich gehe von einem Kreis an Interessenten aus, die mit Schuhen und E-Commerce zu tun haben.
 

Wem gehört das Unternehmen?

Gordon Geiser: Rechtlich nach wie vor den Altgesellschaftern, der Familie Götz. Durch das Verfahren gehört es wirtschaftlich den Gläubigern. Deshalb entscheiden diese auch, wie das Unternehmen verwertet wird. Ein Gesamtverkauf stellt in der Regel die Werterhaltung sicher.
 

Sind weitere Entlassungen vorgesehen?

Frank Beermann: Grundsätzlich sind einzelne Anpassungen nicht ausgeschlossen, aber aktuell ist die Personaldecke
effizient aufgestellt.
 

Wie hoch waren die Umsätze im Geschäftsjahr 2020/21?

Oleg Shpigel: Wir bewegen uns um die 60 Mio. Euro.
 

Wie viele aktive Kunden haben Sie im Bereich E-Commerce?

Oleg Shpigel: Aktuell 600.000 Kunden. Wir verschicken etwa 1 Mio. Pakete pro Jahr. Unsere Retourenquote liegt bei um die 50%.
 

Wie, denken Sie, wird sich der Konsum in den kommenden Monaten entwickeln?

Frank Beermann: Wir glauben, dass alles, was trendmäßig neu angeschoben wurde, uns in den nächsten Saisons helfen wird. Wir erwarten, dass zum Saisonwechsel neue Themen wieder locken werden, die die Kundin vielleicht noch nicht im Schrank hat. Ich hoffe, dass wir dann wieder zu einem Konsumverhalten kommen, wie wir es vor der Krise hatten, und dass das normale Geschäft wieder anlaufen wird. Alle Weichen sind gestellt. Wir hoffen, dass die Dinge, die unsere Segel in der Vergangenheit nicht so aufgebläht haben, sich nun erledigt haben.    

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Petra Steinke / 07.05.2022 - 11:39 Uhr

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