Um kurz vor 18 Uhr war alles gesagt. Mehr als fünf Stunden intensive Debatte und Diskussion lagen am Abend des 20. Juni hinter den Mitgliedern der ANWR. Neben den Vorstandsberichten und den üblichen Regularien drehte sich die Generalversammlung erwartungsgemäß vor allem um ein Thema: den weiteren Umgang mit dem 2014 übernommenen Filialisten Mücke, nachdem für das geplante Beteiligungsmodell keine Mehrheit zustande gekommen war. Jeder einzelne, der in Rotterdam die Gelegenheit nutzte, Fragen zu stellen oder seine Meinung kundzutun, handelte verantwortungsvoll und richtig. Es wurden etliche kritische Punkte angesprochen, etwa die Frage nach der künftigen Preisgestaltung von Mücke. Dass das Hauspreismodell beibehalten werden soll, weil ein Abrücken davon schlichtweg Ertrag kostet, ist eine relevante Information für den Handel. Andere Fragen und Anmerkungen strapazierten gleichwohl die Nerven der Anwesenden – in Summe aber war die Debatte fair, aufschlussreich und demokratisch. Mit der anschließenden Entscheidung, den Filialisten aus Scheßlitz zu behalten, ihn im Sinne der ANWR-Händler weiterzuentwickeln und als ’Testfläche‘ für technisch getriebene neue Dienstleistungen zu nutzen, ist jetzt ein Schlussstrich gezogen. Nun hat der Vorstand vier Jahre Zeit, die angekündigten Maßnahmen durchzuführen. Dass sie in diesem Zeitraum ’liefern‘ müssen, dürfte den Verantwortlichen mehr als klar sein.
Was erwartet die Mehrheit?
Der Blick in die Zahlen, welche die ANWR zu den Absichtserklärungen für das Beteiligungsmodell veröffentlichte, legten indes Erschütterndes offen: 56% der deutschen ANWR-Händler haben dazu keinerlei Rückmeldung gegeben. Das heißt: Mehr als die Hälfte der Mitgliedsunternehmen schwieg! 19% sprachen sich gegen das Modell aus, 25% dafür. Eine solche Quote bei diesem Thema – ein Desaster!
Was erwartet diese Mehrheit der Händler von der ANWR? Wie soll man diese Unternehmen einbeziehen? Und in was? Wie lässt sich diese sprichwörtliche Teilnahmslosigkeit erklären?
Auch die 251 in Rotterdam ausgeübten Stimmrechte zeugen nicht von bahnbrechendem Interesse am Tun der ANWR. Zu den Motiven der Abwesenden kann man nur spekulieren. Denn sie äußern sich ja nicht. Eines sei an dieser Stelle aber angemahnt: Wir leben im Jahr 2016. Keiner kann es sich leisten, aus Liebe zum Gestern, aus einer allgemeinen Gleichgültigkeit oder gar gefühlten Überlegenheit heraus in eine Verweigerungshaltung zu verfallen. RFID, Frequenzmessung, Regalverlängerung, digitale Preisetiketten – das sind nur einige der Themen, die der ANWR-Vorstand mit Hilfe von Mücke realisieren will. Dafür braucht er aktive Mitglieder. Wie viele der ANWR-Händler man für diese Innovationen gewinnen kann? Wohl nicht einmal die Hälfte, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Das darf nicht wahr sein.