Herr Gabor, 2018 war ein herausforderndes Jahr, auch für Ihr Unternehmen. Sie haben nahezu stabile Umsätze erreicht und sich nach eigenen Worten „wacker geschlagen“. Was erwarten Sie vom Jahr 2019?
Achim Gabor: 2019 wird nicht einfacher. Vor dem Hintergrund des im Handel sehr schwierigen Vorjahres müssen auch wir mit reduzierten Einkaufslimits zu Recht kommen. Optimistisch stimmt uns das gut angelaufene Jahr 2019 und die guten Nachbestellungen.
Früher haben Unternehmer in längeren Zeitabschnitten geplant. Heute vermag mancher nicht mehr zu sagen, wo sein Unternehmen in fünf Jahren stehen wird. Wie weit denken Sie voraus?
Achim Gabor: Wir versuchen in unseren Planungen durchaus langfristig zu denken: Dazu haben wir einen 10-Jahres-Plan, bei dem uns selbstverständlich bewusst ist, dass eine solche Planung mit viel Unsicherheit verbunden ist, je weiter man in die Zukunft schaut. Daher überarbeiten wir diese Planung jedes Jahr rollierend. Gleichzeitig versuchen wir, stets die aktuellen Herausforderungen zu managen und die sich ergebenden Chancen kurzfristig wahrzunehmen. Dazu pflege ich einerseits einen intensiven Austausch mit meiner Führungsmannschaft und andererseits wollen wir die Ideen jeder Mitarbeiterin und jedes Mitarbeiters, weshalb wir schon sehr lange ein Ideen-Management-Programm etabliert haben.
Sie führen das Unternehmen in der zweiten Generation. Welche Rolle spielen für Sie die Wurzeln von Gabor als ursprüngliches Geschäft für Schuhe und Lederwaren?
Achim Gabor: Da komme ich zurück auf Punkt 1: Der Handel ist Teil unserer DNA. Gabor selbst startete als Händler. Der Neubeginn 1949 bedeutete für uns als Unternehmen zwar die Ausrichtung als Herstellungsbetrieb, dennoch waren es die Händler, die uns letztendlich groß gemacht haben. Daher fühlen wir uns dem Handel bis heute verbunden und versuchen alle unsere Entscheidung so gut es geht einvernehmlich mit den Interessen des Handels zu treffen. Wir glauben, dass Handel Zukunft hat, insbesondere auch der stationäre Handel.
Was machen Sie anders als Ihr Vater?
Achim Gabor: Ich denke, mein Führungsstil ist anders. Vieles von dem, was zur Zeit meines Vaters absolut richtig war, lässt sich mit der heutigen Arbeitswelt und den Erwartungen der Mitarbeiter, aber auch mit den schnellen Entwicklungen der Märkte nicht mehr vereinbaren. Zusammengefasst würde ich es so beschreiben: Ich lasse den Mitarbeitern im Unternehmen so viel Freiraum, wie möglich. Das setzt große Potenziale frei.
Alle Produkte scheinen heute immer und überall verfügbar. Modetrends nehmen an Bedeutung ab. Wie stellen Sie sicher, dass Gabor auch in Zukunft eine Rolle als einer der führenden Schuhanbieter im Raum DACH spielt?
Achim Gabor: Nun, zum einen dürfen wir nicht nachlassen, erstklassige Produkte und Kollektionen anzubieten. Design, Ausarbeitung, Verarbeitungsqualität, Passform, Preis-Leistung, Logistik, Service. Das ist die absolute Basis. Ohne diese Basis brauchen wir nicht anfangen, irgendetwas anderes zu tun.
Aber: Diese Basis allein reicht heute nicht mehr.
Wenn Sie sich mal vor Augen führen: Bei manchen Onlinehändlern ist Gabor EINE Marke von MEHR ALS TAUSEND: Warum soll der Verbraucher sich da für Gabor entscheiden? Wie soll er uns überhaupt finden?
Die Antwort ist einfach: Er muss uns kennen. Er muss uns wollen. Er muss uns gezielt suchen. Und das erreichen wir nur, mit einer sehr, sehr starken Marke.
Das ist der Grund, warum ich mich entschieden habe, ein neues Werbekonzept ausarbeiten zu lassen, welches noch mehr auffällt und welches unsere Marke noch mehr stützt. Und das ist auch der Grund, warum wir ab Herbst zusätzlich zu unseren sonstigen Werbemaßnahmen wieder ins TV gehen. Eine begehrliche Marke ist entscheidend, um im immer schärfer werdenden Wettbewerb herauszustechen.
Neben dieser Maßnahme haben wir uns entschieden, Gabor fit für die digitale Zukunft zu machen. Dazu gehört auch ein eigener Onlineshop. Wie Sie wissen, verfolgten wir von Beginn an ein Marktplatz-Konzept. Damit haben wir unsere Händler im Boot und können gleichzeitig das weltweit größte Gabor-Angebot anbieten.
Wir wollen mit unserem Marktplatz auf Sicht signifikante Mengen absetzen. Der Marktplatz wird aber gleichzeitig eines unserer wichtigsten Marketinginstrumente, denn nirgendwo anders können wir dem Verbraucher unsere komplette Bandbreite zeigen, unsere Modekompetenz beweisen und uns so für nachwachsende Käuferschichten attraktiv zeigen. Wir wollen und wir dürfen nicht mit unseren Kunden alt werden bis wir gemeinsam ins Grab fallen. Auch dabei wird uns der Marktplatz unterstützen.
Österreich und die Schweiz werden unsere ersten Auslandsmärkte sein, wo wir das Marktplatz-Prinzip im Sinne unserer Händler ebenfalls umsetzen.
Haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Handel in den letzten Jahren intensiviert?
Achim Gabor: Wir haben immer sehr viel in die Zusammenarbeit mit dem Handel investiert. Angefangen von unseren Werbemaßnahmen, die den Abverkauf im Handel unterstützen und für die wir jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge aufwenden, über den Online-Marktplatz bis hin zu unserem neuen Shopkonzept. Außerdem werden wir nicht nachlassen, unseren Kunden die bestmögliche persönliche Betreuung zu geben mit unserem flächendeckenden Außendienst, mit Showrooms und mit der Ausstellung auf den relevanten Messen.
Wie bereiten Sie sich auf den Brexit vor?
Achim Gabor: Großbritannien ist einer unserer wichtigsten Absatzmärkte, daher treibt uns das Thema um. Wir machen uns intensiv Gedanken, wie wir unsere Marktstellung halten können, auch wenn zu erwarten ist, dass unser Produkt dort teurer werden muss. Dabei sind viele strategische Fragestellungen zu beantworten, aber auch im operativen laufen die Planspiele, zum Beispiel zu welchen Frachtbedingungen unsere englischen Händler zukünftig bedient werden wollen und wie wir die Zollabwicklung konkret umsetzen werden.
Was macht Ihnen Angst?
Achim Gabor: Auch wenn wir heute von den Medien täglich mit vielen schlechten Nachrichten konfrontiert werden, sollten wir uns bewusst machen, dass wir insgesamt in einer sehr guten Zeit leben. Natürlich, es gibt viele Dinge, die man beachten muss, auf die man sich vorbereiten muss und für die man Antworten finden muss. Aber ich denke, wir müssen keine Angst vor der Zukunft haben.
Gabor ist ein Unternehmen mit einer beachtlichen Geschichte, ein traditioneller Player im Markt. Überall entstehen derzeit Start-ups mit einer unkonventionellen Unternehmenskultur, schlanken Strukturen und agilen Methoden. Was können Sie von solchen Unternehmen lernen?
Achim Gabor: In der Tat schauen wir uns einiges von solchen Unternehmen ab. So arbeitet zum Beispiel unser Team e-commerce heute schon mit agilen Projektmanagement-Methoden und unser Online-Marketing darf auch Dinge austesten, natürlich immer mit dem Ziel, daraus zu lernen und die weiteren Maßnahmen zu optimieren. Da bietet uns die Digitalisierung Mittel und Wege der Messbarkeit und der Beschleunigung, die in der Vergangenheit so nicht vorstellbar waren. Das geht sogar so weit, dass wir in diesem Jahr noch in der Lage sein wollen, unsere digitalen Werbemaßnahmen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz zu optimieren.
Wir scheuen grundsätzlich auch nicht den Weg, Kooperationen mit Start-Ups einzugehen, zum Beispiel im Bereich Daten und im Bereich Produktion. Man muss sagen, dass wir hier schon sehr gute, zum Teil aber auch negative Erfahrungen gemacht haben. Start-Ups glänzen oft mit tollen Ideen, es braucht aber auch Struktur, Finanzkraft und Marktkenntnis, um erfolgreich zu sein. Wer es schafft, alte Tugenden mit neuen Ideen zusammenzubringen, hat die besten Chancen!
Weitere Fragen an Herrn Gabor lesen Sie in schuhkurier Ausgabe 15.