In den Tagen der Berlin Fashion Week bewegt sich die Branche in einer Blase. Der Alltag aus Abschriften, Frequenzverlusten und Umsatzeinbußen ist weit weg.
06.07.2016
Helge Neumann
2 Minuten
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„Berlin ist arm, aber sexy.“ Der legendäre Ausspruch des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit ließe sich in diesen Tagen auch auf die Schuh- und Modebranche übertragen: arm dran, aber gut drauf. Auch ohne Bread & Butter gehört die Partystimmung zu Berlin wie Currywurst und lange Schlangen an den Taxiständen. Ob auf der Panorama, Premium oder Seek, geradezu demonstrativ wurde immer wieder die gute Stimmung betont. In den Tagen der Berlin Fashion Week bewegt sich die Branche in einer Blase. Der Alltag aus Abschriften, Frequenzverlusten und Umsatzeinbußen ist weit weg. Abschalten tut vor diesem Hintergrund besonders gut. Hinzu kommt: Der dramatische Umbruch betrifft alle Akteure. Handel und Lieferanten, Aussteller und Einkäufer. Auf der Messe sind alle ein Stück weit gleich. Die Messen in Berlin haben daher auch etwas mit Selbstvergewisserung zu tun: Wir sind wichtig!
Trotzdem bedarf es in den Tagen danach einer nüchternen Analyse. Auch für die Berliner Messen wachsen die Bäume nicht in den Himmel, das haben die vergangenen Ausgaben gezeigt. Im Vergleich zu früheren Saisons ging es in den Hallen doch deutlich ruhiger zu. Die Zeiten der zweistelligen Zuwachsraten bei den Besucherzahlen gehören vorerst der Vergangenheit an. Wie sollte es auch anders sein? Auch wenn sich die Veranstalter größte Mühe geben, der Realität können auch sie sich eben nicht entziehen. Das Tagesgeschäft ist nicht strahlend bunt wie so manche Markeninszenierung, sondern allenfalls Grau-in-Grau. Ein Ansturm auf Berlin war somit bereits im Vorfeld ausgeschlossen. Ernüchterung stellte sich bei vielen Besuchern auch beim Betreten der ’Schuhhalle‘ auf der Panorama ein. Auch wenn sich der eine oder andere Aussteller erst kurzfristig für eine Teilnahme entschieden hatte, hinsichtlich der Präsentation gibt es bei vielen Anbietern noch reichlich Luft nach oben. Und auch von Seiten der Messeveranstalter muss mehr kommen, um den Schuhanbietern dort künftig eine ansprechende Heimat bieten zu können. Von einer thematisch logischen Sortierung fehlt nämlich noch jede Spur. Die Tendenz ist jedoch klar: Die Zahl der Schuhaussteller dürfte weiter steigen. Viele Unternehmen haben bereits zur vergangenen Ausgabe den Schritt auf das Messegelände unter dem Funkturm gewagt, weitere werden folgen. Alles wird anders – auch und gerade die Messelandschaft. In diesem Zusammenhang gehört manch eingefahrenes Muster auf den Prüfstand. Bedarf es noch der üblichen Standbauten, meterhoch und sündhaft teuer? Geht es nicht auch eine Nummer kleiner, luftiger, kommunikativer? Und wie zeitgemäß sind die Prozesse, die mit dem aktuellen Messerhythmus verknüpft sind, überhaupt noch? Heute ordern und in sechs Monaten kommt die Ware? So angenehm es in der Blase sein mag, manchmal ist ein Schritt ins Ungewisse unerlässlich, um nicht abgehängt zu werden.