Sie haben erläutert, was Sie von ihren Partnern in der Industrie erwarten. Wo sehen Sie bei Ihrem eigenen Unternehmen Baustellen?
Christian Kernbichl: Baustellen haben wir immer. Wir sind ein wachstumsorientiertes Unternehmen. Wir sind es also gewohnt, mit Baustellen zu arbeiten. Das ist für uns nichts Negatives. Wir arbeiten iterativ, indem wir mit Dingen live gehen, die noch nicht 100 % funktionieren, sondern eher zu 80 % – und dann optimieren wir. So ist immer ein wenig Sand im Getriebe. Aber wir wollen diese Challenge und Themen vorantreiben. Interessant ist für uns das Thema KI. Da sehen wir eine Riesenchance. Wir haben viele Assistenten gebaut und wieder revidiert, weil sie überholt oder nicht optimal waren. Wir haben Workshops zum Thema KI organisiert, um sie besser nutzen zu können. Wir arbeiten daran, alles in Workflows abzubilden. Wir sind permanent in Bewegung. Ich würde übrigens lieber von Chancen sprechen als von Baustellen.
Welche Rolle spielen datenbasierte Forecast-Modelle?
Christian Kernbichl: Sie sind interessant. Aber es dauert noch, bis wirklich verlässliche Modelle entwickelt werden können. Je mehr Daten man hat, desto besser können Forecasts erstellt werden. Man muss dann aber auch die gewünschte Ware haben. Da kommen wieder die langen Lieferzeiten ins Spiel.
Marco Kroner: Und wir sollten uns nichts vormachen: Wir sind immer in einer Wettbewerbssituation, gerade auf Amazon. Und die Mitbewerber muss man ebenso einschätzen wie die Kunden. Geht es ihnen um kurzfristige Liquidität? Dann kann auch der beste Forecast falsch sein.
Sie müssen also ständig die Situation beobachten und neu justieren.
Marco Kroner: Ja. Das bietet aber auch extrem viele Chancen. Uns gibt es seit elf Jahren. Wir sind mit null Schuhen gestartet und sind jetzt der größte Schuhhändler bei Amazon in Europa. Dafür haben wir eigene Tools entwickelt und nutzen die Daten, um schnelle Entscheidungen treffen zu können.
Was macht für Sie Erfolg aus?
Christian Kernbichl: Zufriedene Kunden. Das ist die Lehre bei Amazon, wo wir ja beide sehr lange beschäftigt waren: „Start with the customer and work backwards“. Wir haben im Bereich Kundenzufriedenheit sehr gute Werte von über 98 %. Wenn ein Kunde uns widerspiegelt, dass wir einen guten Job machen, dann ist es Erfolg. Wir wollen weiter wachsen und weiterhin unsere Kunden zufriedenstellen. Wir sind ein inhabergeführtes Unternehmen. Daher wollen wir auch künftig in Infrastruktur und Mitarbeiter investieren. Das kostet Geld. Aber wenn du nicht investierst, bleibst du stehen. Und das ist für uns wie ein Rückschritt. Es ist nicht einfach, in diesem Umfeld zu wachsen und trotzdem Renditen zu erwirtschaften. Bis dato ist uns das aber gelungen.
Marco Kroner: Es macht aber auch Spaß, die Dinge zu entwickeln. Wenn wir jetzt die 100 %-Lösung hätten – ich glaube, ich hätte dann irgendwann keine Lust mehr. Darum ist es wichtig, neugierig zu bleiben. Es ist eine tolle Branche. Gerade ist vieles im Umbruch, und das macht es extrem spannend. Wenn man erfolgreich ist, auch monetär, dann ist das sehr motivierend.
Wie zukunftsfähig ist die Branche aus Ihrer Sicht?
Marco Kroner: Schuhe braucht jeder. Ein Schuh ist ein tolles Produkt, man könnte ihn aber wesentlich emotionaler in den Fokus der Endverbraucher rücken. Damit auch wieder Kauflust entsteht, weil man sieht, was für eine Wertigkeit so ein Schuh hat. Ich finde es schrecklich, wenn Leute ohne Probleme 50 Euro für ein T-Shirt bezahlen und dann sagen, 100 Euro für ein Paar Schuhe seien zu viel.
Ist das nicht ein Widerspruch zu Ihrem Geschäftsmodell? Amazon gilt nicht gerade als die Plattform, die die Wertigkeit von Produkten in den Fokus rückt.
Marco Kroner: Wir versuchen durchaus, für unsere Marken die Produkte wertig zu präsentieren, etwa mit ergänzenden Bildern oder indem wir bestimmte Features näherbringen. Wir erstellen optimierte Produktbeschreibungen, die Lust machen. Dabei wird uns im Übrigen auch KI helfen. Wir machen das Beste aus dem, was uns Amazon bietet, um die Marken emotional aufzuladen. Das ist unser Anspruch.
Christian Kernbichl: Aufgrund unserer Kostenstruktur können wir auch keine „Billigschuhe“ anbieten. Es muss ein gewisser Durchschnittspreis erzielt werden, wenn man keine überproportional großen Einkaufsmargen hat. Schuhe bis zu 250 Euro können wir durchaus verkaufen. Dabei liegen wir bei deutlich höheren Preislagen als Amazon Retail. Wir können keine 19-Euro-Schuhe anbieten. Das würde keinen Sinn ergeben. Und wir haben ein intelligentes Pricing, das nicht nur runtergeht, sondern auch rauf.
Welche Marken laufen derzeit besonders gut?
Christian Kernbichl: Generell betrachtet, haben wir diesen Sommer im Vergleich zum Vorjahr schlechter verkauft. Vor allem im Herrenschuhbereich war es schwierig. Es gibt keine Marke zu nennen, die besonders gut oder schlecht ist. Die Nachfrage ist derzeit nicht so stark.
Wie laufen Kinderschuhe?
Marco Kroner: Sie laufen okay. Das ist bei uns ein sehr stabiles Business mit Aufs und Abs, die man aber gut voraussehen kann. Wenn die Schule beginnt oder die Kindergartenzeit, dann verkaufen wir wirklich sehr viel. Das geht dann sechs Wochen so und dann sinkt die Nachfrage wieder.
Gibt es Trends, die Sie beobachten? Etwa eine Abkehr vom Sneaker?
Christian Kernbichl: Der beste Schuh ist der, den wir verkaufen. Der muss nicht sexy sein. Natürlich gibt es immer wieder Ausprägungen und neue Themen wie Barfußschuhe. Aber so etwas kommt und geht. Wir sind an einer stabilen und langfristigen Partnerschaft mit unseren Lieferanten interessiert. Wenn wir gewisse Bedarfe erkennen, kommunizieren wir das auch. Es ist keine Einbahnstraße.
Marco Kroner: Sneaker sind nach wie vor extrem wichtig. Den Bootsschuhanteil für den nächsten Sommer zu erhöhen, das sehen wir eher nicht. Zumal unser Kunde auch immer etwas später dran ist. Im Übrigen sind wir bei Fashionthemen zurückhaltend.
Christian Kernbichl: Der Sneaker ist ein super Onlineprodukt! Pumps und Stiefel haben hohe Retourenquoten. Aber beim Sneaker ist das überschaubar und die Durchschnittspreise sind gut. Es muss eben das richtige Modell sein. Und was der Kunde will, müssen wir ihm anbieten.
Wie sieht Ihre Zukunftsperspektive für Merkkur aus?
Christian Kernbichl: Wir sind vor elf Jahren mit einer langfristigen Idee gestartet. Wir wollten nie ein One-Hit-Wonder sein, sondern dauerhaft im Markt bestehen. Inzwischen ist alles so aufgesetzt, dass es auch sehr gut ohne uns funktioniert. Die nächste Generation wächst bereits mit hinein: Mein Sohn unterstützt uns nun schon seit drei Jahren als Werkstudent und wird im April 2026 in das Unternehmen einsteigen. Wir wollen dieses Unternehmen nachhaltig entwickeln. Wir haben zu unseren Partnern gute Beziehungen aufgebaut. Uns macht die Arbeit in dieser Branche wahnsinnig viel Spaß.