Eine weitere Perspektive bringt Christian Kernbichl, Geschäftsführer des Online-Händlers Merkkur, ein. Aus seiner Sicht wird die Verantwortung zwischen Industrie und Handel bislang nicht sinnvoll verteilt. „Spannender als die Fristen finde ich die Frage dahinter, und da wird es für den Handel unbequem: Der größte Hebel liegt gar nicht bei uns, sondern beim Schuhkarton selbst, und den gestalten die Marken. Wir versenden das, was uns geliefert wird. Wie die Industrie mit Kartongröße, Seidenpapier etc. umgeht, entscheidet also darüber, wie gut wir 2030 dastehen. Der Adressat ist damit aus meiner Sicht zumindest teilweise falsch: Die Pflicht landet beim Handel, obwohl die Verpackung von der Industrie kommt.“
Besonders problematisch sei zudem, so Kernbichl, der grenzüberschreitende Online-Handel – und damit die Frage des Bevollmächtigten in jedem Land, in das Merkkur liefert: „Das skaliert schlecht. Es ist zusätzlicher Aufwand, der Geld kostet und keinen Euro Ertrag bringt. Uns trifft das als Kostenblock, für kleinere Händler ist es der Rückzug aus dem Auslandsgeschäft. Damit wird das Angebot noch uni-former, und das ist am Ende auch für den Konsumenten eine schlechte Nachricht.“
Auch Marcus Höhne sieht genau hier die größte Schwachstelle der neuen Verordnung. Für ihn werde der europäische Binnenmarkt durch nationale Sonderpflichten unnötig ausgebremst: „Wir behindern den Warenverkehr im europäischen Binnenmarkt.“ Vorstöße etwa des Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) in Richtung einer One-Stop-Shop-Lösung für Registrierungen und Bevollmächtigte hält Höhne für sinnvoll. Bis eine solche europaweit einheitliche Lösung Realität werde, dürften jedoch noch einige Jahre vergehen.
Parallel müssen sich Unternehmen bereits auf die nächsten Schritte vorbereiten. Bis 2030 sollen Verpackungen grundsätzlich recyclingfähig sein. Hinzu kommen Design-for-Recycling-Vorgaben, Mindestquoten für Rezyklate bei Kunststoffverpackungen sowie Obergrenzen für Leerraum in Versandkartons. Für die Schuhbranche bedeutet das, Verpackungen künftig nicht nur unter Marketing- und Kostengesichtspunkten zu entwickeln, sondern auch unter regulatorischen Aspekten. Der Wunsch nach harmonisierenden Lösungen, die die Akteure im europäischen Binnenmarkt stärkt, bleibt ein wesentlicher Aspekt in der Debatte.