„Der deutsche Markt wird seinen Weg zurück zum Erfolg finden“
Interview mit Falc-CEO Salina Ferretti
- 10.07.2024
- Petra Steinke
- 2 Minuten
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Salina Ferretti: Die ersten fünf Monate des Jahres waren für uns einerseits sehr aufregend, weil wir intern verschiedene Projekte in Arbeit hatten. Zudem kam der Handel aus einem schwierigen Winter – und das in den USA ebenso wie in Europa. Das Wetter war zu mild und Kriege, Konflikte und die Inflation schienen gegen die Modeindustrie zu arbeiten. Dennoch sind wir über unsere Ergebnisse sehr erfreut. Natürlich lief es in einigen Märkten besser als in anderen und es funktionierten einige Marken besser als andere. Zu Beginn des Jahres hatten wir uns aber auf eine deutlich komplizierte Saison vorbereitet. Am Ende ist es viel besser gelaufen als erwartet.
Die Erwachsenenmarken funktionieren alle sehr gut, und sie wachsen. Candice Cooper ist beispielsweise etwas stärker in der DACH-Region, andere in anderen Märkten. Unsere Distribution ist sehr international. Wir verkaufen viele Schuhe in Italien, aber auch in Deutschland, Frankreich und in den USA. Traditionell sind wir auch sehr stark in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sowie in Asien vertreten. Für die Kinderschuhe lief es zuletzt „okay“. Deutschland ist in diesem Segment ein wichtiger Markt für uns und dort gab es viel Unruhe, weil große stationäre Händler und auch der Onlinehandel in Schwierigkeiten waren. Im Kinderschuhbereich würde ich unsere Resultate als konservativ bezeichnen. Wir sind froh, dass wir mit so vielen unabhängigen Händlern zusammenarbeiten.
Sie entwickeln sich sehr gut. Candice Cooper und Voile Blanche sind unsere stärksten Marken in Deutschland. Mit Flower Mountain haben wir inzwischen recht gut aufgeholt. Flower Mountain hatte seine ersten Erfolge zunächst außerhalb Deutschlands. Nun aber gibt es auch dort Zuwachs. Wir sind darüber sehr glücklich. Dabei lässt sich beobachten, dass unsere Erwachsenenmarken, insbesondere Flower Mountain, im Modehandel sehr stark wachsen. Für Premiummarken verändert sich das Handels-Szenario derzeit sehr stark.
Salina Ferretti, CEO von Falc (Foto: Falc)
Der deutsche Markt ist stark und wichtig und er verfügt über bedeutende Händler. Sie brauchen etwas Zeit, um sich neu zu erfinden. Viele haben dies schon vollzogen. Andere sind noch damit beschäftigt. Es gibt sehr innovative Händler, sowohl stationär als auch online. Vielleicht wird der Veränderungsprozess noch ein paar Saisons andauern. Es ist für uns sehr traurig zu sehen, dass sich auch im Kinderschuhbereich viele Händler aus dem Markt verabschiedeten oder die Kinderschuhabteilung schlossen. Kinderschuhe werden als herausfordernd wahrgenommen: Sie brauchen Fläche und Personal und Preise sind ein sensibles Thema. Aber wir sind sehr sicher, dass der deutsche Markt seinen Weg zurück zum Erfolg finden wird. Das gilt für kleine und große Händler gleichermaßen. Der Markt wird wieder auf die Füße kommen und dann stärker sein als vorher.
Das Falc-Lab ist eine moderne Produktionsstätte am Unternehmenssitz in Civitanova Marche, in der Kleinserien und Muster hergestellt werden. (Foto: Falc)
Die Preissensibilität war bei Kinderschuhen immer schon hoch. Es passiert viel in den Leben der Menschen, was nichts mit Schuhen zu tun hat. Ich sehe hier derzeit multiple Veränderungen. Sicherlich achten die Menschen stärker auf den Preis. Aber wir sehen auch mehr Kinder, die die Sneaker von Sportmarken tragen – und diese Marken sind sehr preisaggressiv. Da kostet ein Paar Schuhe schon einmal 39 Euro. Hinzu kommt, dass sich neue Themen entwickeln. Wie etwa Barfußschuhe, die in Deutschland zunehmend beliebter werden. Wir haben also unsere Hausaufgaben gemacht und uns mit unseren Schuhentwicklungen beschäftigt. Wir haben Mediziner zu ihren Meinungen konsultiert und intensiv mit unseren Vertriebsteams diskutiert, um angemessen auf diese Entwicklungen zu reagieren. Wir sind ein klassischer Schuhhersteller und müssen orten darauf finden, dass sich die Nachfrage in viele verschiedene Richtungen entwickelt.
Ja. Wir haben in den zurückliegenden Saisons die erste Linie Barfußschuhe präsentiert. Unsere Kunden im Handel schätzen sie sehr und wir haben unser Angebot um weitere Varianten ausgebaut. Wir sind bewusst langsam in das Thema eingestiegen, um zu lernen. Wir wollten es richtig machen, im Einklang mit unserer DNA und kohärent zu unseren anderen Entwicklungen. Im vergangenen Winter haben wir ein starkes Wachstum im Barfußschuhbereich verspürt. Unsere Kunden signalisierten uns, dass sie sich mehr Angebot wünschen. Inzwischen ist unsere Barfußschuhkollektion nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien und Frankreich sehr erfolgreich. Die Welt wird immer kleiner, Trends aus dem einen Markt springen über auf andere. Wir stellen dabei nicht das in Frage, was wir bislang im Bereich Kinderschuhe gemacht haben. Uns ist bewusst, dass Barfußschuhe kontrovers besprochen werden. Wenn man Orthopäden dazu befragt, stellt man fest, dass auch sie sich nicht einig sind in der Einschätzung des Themas.
Wir sind online präsent. Wir haben kein Netzwerk aus eigenen stationären Geschäften. Und wir wollen keine D2C-Company werden. Jede unserer Marken hat eine eigene Website – insgesamt managen wir sechs. Es geht uns dabei um Präsenz und darum, zu beobachten, was auf Marktplätzen passiert. Wir glauben, dass es für unsere Marken richtig ist, die Partnerschaft zu traditionellen Einzelhändlern zu intensivieren. Wir wollen keine Innenstädte, in denen es nur Cafés gibt. Wir möchten, dass die Menschen die Möglichkeit haben, aus einem vielseitigen Angebot Einkaufs-Inspirationen zu erhalten.
Wir haben schon seit einigen Jahren ein B2B-System. Wir arbeiten daran, es an die heutigen Anforderungen anzupassen. Es ist uns bewusst, wie wichtig es für unsere Kunden ist, Nachorders zu platzieren. In unserem B2B-Bereich stellen wir auch weitere Angebote bereit wie etwa Bilder für Social Media oder die Rechnung zum Download. Wir wollen, dass dieser Kanal noch wichtiger wird für die Kommunikation mit unseren Partnern im Handel.
Bei EDI sehen wir größere Kunden, die sehr gut organisiert sind und dies auch von uns einfordern. Das ist ein internationales Thema. Wir engagieren uns, um diese Services zu bieten. Wenn der Handel allerdings wünscht, dass die Industrie die komplette Verantwortung übernimmt, dann ist das für uns nicht möglich. Ich wünsche mir, dass der Handel mutiger wird, nicht nur hinsichtlich der Mengen, die er einkauft, sondern auch hinsichtlich der Vielfalt. Viele kaufen sehr konservativ und eher die Basics. Falc ist bekannt für seine sehr großen Kollektionen. Und dann hören wir oft vom Handel: „Ich nehme Blau und Cognac“. Unsere Antwort lautet oft: Dein Angebot ist nicht spannend, wenn Du nur auf Blau und Cognac setzt. Wir bringen viele Innovationen in unseren Kollektionen. Und wir sehen, dass das funktioniert. Bei Flower Mountain waren viele Händler anfangs sehr zurückhaltend. Inzwischen stellen wir fest, dass einige, eher als konservativ wahrgenommene Händler sehr experimentierfreudig sind – und auch erfolgreich. Sie trauen sich an neue Marken und Kollektionen heran. Ähnlich verhält es sich bei Voile Blanche und Candice Cooper. Natürlich gibt es darüber hinaus viele Carryovers, die ebenfalls kontinuierlich Bestandteil in unseren Kollektionen sind.
Das denke ich nicht. Wir haben ein sehr internationales Team. Jede Marke hat ihr eigenes Brandmanagement aus internen und externen Designern. Einige arbeiten in Italien, andere in den USA, wieder andere in Asien. Darüber hinaus haben wir unsere Augen und Ohren in den Märkten, etwa durch unsere Sales Teams. Sie schauen sich um, sprechen mit Kunden, greifen Trends auf – und das oft schneller als wir das von hier können. Und wir können schnell darauf reagieren.
Wir haben unsere Fabrik in Civitanova Marche vor zwei Jahren komplett neu aufgestellt und viel Geld in diese Produktion investiert. Das ist ein schöner Luxus. Eine schmutzige Schuhfabrik, wie sie vor 30 Jahren üblich war, ist nicht mehr zeitgemäß. Man kann eine Produktion in Italien aber nur planen, wenn man an Effizienz und Lean Management arbeitet, moderne Maschinen einsetzt und Prozesse automatisiert. Das ersetzt keineswegs die manuelle Arbeit. Seit mehr als 20 Jahren produzieren wir zudem in Serbien. Dort werden in einem kleinen Schuh-Bezirk Sohlen hergestellt sowie der Zuschnitt und die Montage vorgenommen. Und wir haben großartige Partner in Asien, die unsere Sportschuhe fertigen, etwa für die Marke Flower Mountain, die in Japan und China entwickelt wird.
Lässige Sneaker für Damen und Herren von Voile Blanche gehören zum Portfolio von Falc. (Foto: Falc)
Nachhaltigkeit ist für uns sehr wichtig und umfasst verschiedene Aspekte. Wir sprechen etwa über Nachhaltigkeit im finanziellen Bereich oder auch im Verhältnis zu Mitarbeitenden, Geschäftspartnern und Stakeholdern. An diesen Themen haben wir intensiv gearbeitet und sind gut aufgestellt. Hinzu kommen Umwelt- und Klimaschutz. Auch damit befassen wir uns täglich. Wir haben Solarpanels auf unserem Fabrikdach anbringen lassen und fahren Elektrofahrzeuge. Unsere Logistik haben wir so aufgestellt, dass der CO2-Abdruck deutlich minimiert ist. Und in der Produktion haben wir mit verschiedenen Materialien experimentiert – organischen und recycelten. Von Apfel- bis Kaffeeleder haben wir alles ausprobiert. Diese Themen funktionieren gut, wenn der Preis des fertigen Produkts nicht steigt und seine Haltbarkeit nicht schlechter ist als die herkömmlicher Schuhe. Menschen wollen für nachhaltige Schuhe nicht mehr bezahlen. Bei Lebensmitteln ist das anders. Für uns ist es wichtig, keinesfalls Greenwashing zu betreiben und niemals etwas als nachhaltig zu bezeichnen, das nicht nachhaltig ist. Schuhe können nicht ohne weiteres „grün“ sein. Die Mode ändert sich, Saisons ändern sich und Kinderfüße wachsen. Schuhe sind Produkte aus vielen Komponenten und unterschiedlichen Materialien, die man nicht einfach auseinanderbauen kann. Nach vier Jahren sehr intensiver Versuche müssen wir akzeptieren, dass die existierenden Technologien noch keine perfekte Antwort bieten. Aber wir arbeiten weiter daran.
Moderne Schuhe bedürfen gar nicht unbedingt einer Reparatur. Sie sind sehr robust und langlebig. Ich begrüße die Gesetze, die auf uns zukommen. Sie entstammen einer guten Idee. Wir alle wollen die Umwelt schützen und damit auch unsere Gesundheit. Für uns ist es seit jeher elementar, dass die Materialien unserer Schuhe, vor allem der Kinderschuhe, schadstofffrei sind. Wir investieren immer schon viel in Testverfahren. Früher musste ein Schuh gut aussehen und den richtigen Preis haben. Heute gibt es zahlreiche weitere Anforderungen. Die Schuhindustrie wurde immer als eher langweilig und „basic“ empfunden. Aber das ist sie ganz und gar nicht. Sie ist komplex und innovativ.
Jung, progressiv und stylisch: Die Sneaker der Marke Flower Mountain haben laut Salina Ferretti viel Potenzial. (Foto: Falc)
Wir müssen uns mit vielen Makro-Herausforderungen befassen, mit internationalen Konflikten, politischen Entscheidungen und der Inflation. Ich sehe nicht die eine große Herausforderung. Unsere Aufgaben sind vielfältig und sie kommen aus vielen verschiedenen Richtungen. Das betrifft uns auch, weil wir sehr breit und international aufgestellt sind. Wir sind also vorbereitet. Trotzdem kommen Herausforderungen oft aus Richtungen, aus denen man sie nicht erwartet. Aber wir haben ein großartiges internationales Team. Wir bauen auf die visionären Ideen unseres Gründers und sind stolz auf unsere Werte: Integrität, Fairness und Ehrlichkeit.
Wir suchen nicht zwingend danach; wir sind sehr glücklich mit dem, was wir haben. Sechs Marken, das ist schon eine große Aufgabe. Aber wir halten unsere Augen immer offen. Wir haben auch nach Candice Cooper nicht gesucht, bis man uns im Jahr 2020 kontaktierte und fragte, ob wir das machen wollen. Wir haben uns gesagt: Das ist verrückt – aber ja, lass es uns machen! Derzeit arbeiten wir daran, unsere Marken zu stärken und ihr Angebot auszubauen. So werden unsere Kinderschuhe nun um eine kleine Bekleidungskollektion ergänzt. Und bei den Erwachsenenmarken haben wir eine Reihe von Accessoires entwickelt. Wenn man nur Schuhe anbietet, ist es schwieriger, eine Story zu erzählen. Unser Fokus wird natürlich immer auf Schuhen liegen; wir werden keine Waschmaschinen anbieten. Aber wir wollen unsere Marken interessant und innovativ gestalten, und dafür braucht es manchmal mehr als Schuhe.