schuhkurier: Frauen verkaufen im Schuhhandel Schuhe, während die Kollektionen – auch Damenschuhkollektionen – von Männern kreiert werden. Warum ist das so?
Eva Maria Schaffner: Ich habe mich schon als Studentin darüber gewundert, wie wenig Frauen sich für eine Karriere in der Wirtschaft interessierten. Unter den 80 Studierenden waren damals vielleicht zehn Frauen. Ich bin in einer Schuhhändlerfamilie aufgewachsen und mit einer Mutter, die als Unternehmerin sehr beschäftigt und engagiert war. Ich kannte es nie anders und bin diesem Beispiel gefolgt – meine Mutter war mein Vorbild.
Ich glaube, dass die Schuhbranche sehr traditionell ist. Wenn man an den stationären Handel denkt, spricht man zudem von Montag bis Samstag, 9 bis 18 Uhr. In Messezeiten wird auch sonntags gearbeitet. Es ist also ein intensives Business, das sich nicht unbedingt mit einer Familie vereinbaren lässt. Wenn wir auf die Industrie blicken, gehören Segmente wie die Kollektionsentwicklung in den strategischen Bereich. Und diese Jobs sind immer noch eher von Männern besetzt.
Wie schätzen Sie den Frauenanteil im Schuhhandel allgemein und in Führungspositionen im Handel ein?
Konkrete Zahlen zum Schuhhandel finden sich nicht. Der Einzelhandel insgesamt ist jedoch weiblich. Laut dem HDE liegt der Frauenanteil im Handel bei 76% mit einer Teilzeitquote von knapp 40%. Im Schuhhandel dürfte der Frauenanteil noch höher sein, nicht zuletzt auch, weil Frauen eine gewisse Affinität zu Mode und Schuhen haben. Ich gehe davon aus, dass der Frauenanteil in Einzelhandelsbranchen wie Elektronik deutlich geringer ist.
Bei den Führungspositionen sehe ich im Handel einen hohen Frauenanteil, sicherlich 80%. Die meisten Filialleitungen sind weiblich. In der Schuhindustrie sieht das anders aus. Da ist die weibliche Verkaufsleitung eher die Ausnahme. Ich würde den Anteil weiblicher Führungskräfte in der Schuhindustrie auf 20% schätzen. Das gilt aber vorwiegend für die eher traditionelle Schuhbranche. Wenn wir auf junge Unternehmen und das Onlinebusiness schauen, sieht das ganz anders aus. Nehmen Sie Zalando oder Start-ups der Schuhbranche: Diese Firmen haben einen deutlich höheren Frauenanteil.
Sehen Sie hier eine Tendenz zur Veränderung?
Ja, die sehe ich auf jeden Fall. Nicht zuletzt auch, weil Geschlechtergleichheit und Diversität vielfach diskutiert werden.
Was machen Frauen Ihrer Ansicht nach in Führungspositionen anders als Männer?
Man sagt Frauen nach, sie suchten eher die Balance und seien teamfähiger. Ich kenne aber auch viele Männer, die so agieren. Ebenso heißt es gemeinhin, Männer seien durchsetzungsstärker. Das gilt meiner Ansicht nach aber auch für viele Frauen. Wenn man als Frau viele Jahre in einer Führungsposition arbeitet, eignet man sich gewisse vermeintlich männliche Attribute an. Man wächst mit seinen Aufgaben. Ich glaube also nicht, dass Frauen per se viele Dinge anders machen als Männer. Aus meiner langjährigen Tätigkeit als Aufsichtsrätin kann ich sagen, dass ich mich immer gleichberechtigt und niemals diskriminiert gefühlt habe. Ich hatte immer den Eindruck, alle sprechen auf Augenhöhe miteinander und nehmen einander ernst, unabhängig vom Geschlecht.
Täten mehr Frauen dem Schuhhandel gut?
Unbedingt! Aber sie müssen auch wollen. Wenn man Karriere machen möchte, bedeutet das auch Verzicht. Ich habe Freundinnen, die sind mit vier Stunden Arbeit am Tag zufrieden und verbringen den Nachmittag mit Gassirunden und anderen privaten Dingen. Das geht nicht, wenn man Vollzeit arbeitet. Man führt dann ein anderes Leben. Und dafür muss man sich bewusst entscheiden – mit den privaten Einschränkungen, die das möglicherweise bedeutet.
Was muss geschehen, damit mehr Frauen Führungsrollen übernehmen?
Es muss Frauen und Männern gleichermaßen ermöglicht werden, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Das bedeutet, dass Firmen flexible Arbeitszeiten und Teilzeit anbieten müssen. Das ist im Handel sicherlich einfacher als in der Industrie. Bei Schuhherstellern ist manches vielleicht in Teilzeit gar nicht machbar, wenn ich beispielsweise an die Kollektionsentwicklung bei einigen Unternehmen denke, die mehrere Reisen nach Asien umfasst und in den Stoßzeiten Arbeitstage mit bis zu 16 Stunden. Das lässt sich mit einer Familie schlecht vereinbaren. Ich bin übrigens keine Freundin einer Frauenquote. Wenn eine Frau kompetent und motiviert ist, sollte ihr eine Karriere ermöglicht werden. Viele CEOs sind nach meiner Einschätzung durchaus interessiert, Frauen in Führungspositionen einzustellen – wenn es interessierte und kluge Frauen gibt.