Er habe den Titel für seine neue H/W-Kollektion mit Bedacht gewählt, sagte der Berliner Designer Marcel Ostertag zu Beginn seiner Show am 18. Januar. Der Begriff ’Revolution‘ solle einen radikalen Schnitt und Neubeginn markieren. Und das in vielerlei Hinsicht. Wichtig sei ihm, dass seine Mode nicht nur feminin und kreativ sei, sondern auch tragbar und geeignet, die Persönlichkeit selbstbewusster Frauen in ihrem täglichen Leben zu unterstreichen. Und damit aber nicht genug: Er wolle erreichen, dass sich „alles entschleunigt“, erklärte der Kreative. „Wir müssen uns mehr Zeit nehmen für die Mode. Wir sind alle viel zu schnell.“ Ein Designer will weg vom ’immer mehr‘, ’immer schneller‘, ’immer früher‘, ’immer neu‘? Das sorgte an diesem Abend in Berlin, nach hektischem Hin und Her zwischen diversen Messen, nach pausenlosem Eilen von Termin zu Termin für erleichterten Applaus beim immer noch überreizten Publikum.
Slow Motion auf dem Laufsteg
Was der junge Modemacher da in Berlin verkündete, war eine ungemein wohltuende Botschaft in einer überhitzten Branche, die sich mit permanent erhöhtem Puls um sich selber dreht und in der – entgegen allen offiziellen Beteuerungen – jeder versucht, den anderen auszustechen, indem er noch ein bisschen früher am Markt ist. Oder noch ein bisschen früher reduziert hat. Je nachdem.
„Jeden Tag kommt neues Zeug rein, warum nicht auch Du?“ hat H&M in riesigen Lettern an die Wand seines Flagshipstores an der Düsseldorfer Königsallee geschrieben. Das lockt, das reizt, aber das kann auch erschöpfen.
Marcel Ostertag jedenfalls will Ernst machen. Symbolisch schickte er seine Models in Slow Motion auf den Laufsteg. Ganz in Ruhe. Das verschaffte dem Publikum Zeit, jeden Look in Ruhe zu studieren, von Kopf bis Fuß. Das lenkte den Blick auf Details, die sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Und das tat gut.
Aber nicht nur während seiner Show, sondern auch im echten Business will Ostertag neue Wege gehen. Er wolle das gewohnte Tempo nicht mehr mitgehen. Und nicht mehr ausliefern wie alle. „Im März wird die F/S-Kollektion in den Handel kommen. Und im September die H/W-Kollektion“, verkündete folgerichtig der Designer. Und sorgte mit diesem Statement gleich nochmal für kraftvollen Applaus.
An diesem Abend in Berlin dürfte das Rad der Mode sein Tempo nicht verlangsamt haben. Vielleicht aber hat der eine oder andere die Idee der Entspannungs-Revolution noch mitgenommen in den nächsten hektischen Messetag. Und sich mehr Zeit genommen für die Kollektionen. Genauer hingeschaut. Sich nicht in zu frühe Liefertermine zwingen lassen. Nicht aus Torschlusspanik zu viel geordert. Sondern mit Bedacht etwas weniger – und dafür bessere Ware. „Entspannt Euch, kommt runter, spürt die Mode“, rief Ostertag dem Publikum zum Abschied zu. Eine schöne Botschaft.