Der Vertriebsmitarbeiter sank erschöpft auf den Stuhl. Intensive Wochen lagen hinter ihm – tausende Kilometer war er gefahren, um Händler zu besuchen, denen er die neue Kollektion vorgelegt hatte. 15 bis 20 Termine in einer Woche. Jetzt sei er „durch“, sagte er. Und urlaubsreif. So läuft das Business in dieser Branche. Saison für Saison.
Den Auftakt bilden die Messen und Ordertermine, auf denen Händler sich erste Eindrücke verschaffen und Aufträge platzieren. Ein Marathon für alle Beteiligten, auf der Suche nach den besten Zutaten für das Sortiment der kommenden Saison, inspirierend und erschöpfend zugleich. Und nach den Messen kommt die Reisezeit. Die Branche ist auf der Piste, bis irgendwann die Orderzeit endet und alle fertig sind. Im wörtlichen Sinne. So war das irgendwie immer. Trotz gelegentlich aufkommender Zweifel an der Effizienz dieses Procederes. Aber: Wird es so auch in Zukunft bleiben? Oder steht das Einkaufs-Business, wie wir es bislang kennen, vor dem Umbruch?
Wenn alles schneller wird, unsere Branche sich massiv neu strukturiert, wenn wir die Phase der Modellentwicklung auf wenige Tage, gar Stunden reduzieren können und sich Prozesse insgesamt deutlich beschleunigen, ist es dann denkbar, dass wir weiterhin von Messe zu Messe pilgern und von Vorlagetermin zu Vorlagetermin, um Wäscheklammern an Schuhe zu heften?
Vergangene Woche war ich in den USA, um mir verschiedene Medienunternehmen anzusehen und von ihnen zu lernen. Sie alle – große, renommierte Verlagshäuser und kleine, flexible Start-ups – befassen sich derzeit unter anderem mit Virtual Reality und testen die Technologie. Täuschend echt kann man im Selbstversuch via VR durch das Taj Mahal wandern, durch Städte, durch neu geplante (und noch nicht gebaute) Häuser. Ebenso wäre es möglich, durch einen virtuellen Showroom zu wandern und sich einen zumindest ersten Eindruck von einer neuen Kollektion, ihren Einzelteilen, Farben und Mustern zu machen.
Einer meiner Ansprechpartner in den USA, den ich zu diesem Thema befragte, erklärte mir: „Ja, die Technologie ist für diesen Ansatz phantastisch. Wir hatten auch erste Gespräche mit Modeanbietern. Aber sie meinen alle, man müsse die Ware anfassen und fühlen.“ Das ist einerseits richtig. Die Seidenbluse, die eng anliegende Hose, die zarte Sandale, den Pumps muss man im Hinblick auf Passform und Material prüfen, bevor man eine Order platziert. Darin drückt sich die Kompetenz eines Händlers aus, der es versteht, sein Sortiment aus den besten Produkten zusammenzustellen. Andererseits ist die Ablehnung neuer Technologien, die Zeit und Aufwand minimieren könnten, wohl auch einem gewissen Verharren nach dem Motto ’das haben wir immer so gemacht‘ geschuldet. Mit allen dazu gehörenden Konsequenzen – siehe Erschöpfung.
Auch im Messebusiness ist es jedoch unverzichtbar, ’neu‘ zu denken. Erste Ansätze gibt es bereits. VR könnte neue Perspektiven aufzeigen.