Franziska Seibel und Sylvia Klemens: Die Teamplayerinnen
Frauenpower in der Schuhbranche
- 16.12.2025
- Petra Steinke
- 10 Minuten
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Frauenpower in der Schuhbranche
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Headerfoto: Franziska Seibel (links) und Sylvia Klemens leiten gemeinsam mit Carl-August Seibel das Familienunternehmen Josef Seibel. (Foto: Josef Seibel)
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schuhkurier: Frau Seibel, Frau Klemens, wann wussten Sie zum ersten Mal, dass Sie führen wollen? Gab es ein Schlüsselerlebnis – oder war es ein Prozess, der sich mit der Zeit entwickelt hat?
Sylvia Klemens: Es gab diesen Moment, als ich Einkäuferin bei André war. Mein damaliger Chef fragte mich, ob ich nicht mehr Verantwortung übernehmen wolle – er sehe Potenzial in mir. Ich durfte daraufhin an der Business School St. Gallen an einem Lehrgang zur Mitarbeiterführung teilnehmen. Dort wurden Tests zu Führungsqualitäten durchgeführt, und ich bekam das Feedback, dass ich diesen Weg weiterverfolgen sollte. Das hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich dachte: Wenn die Analyse dieses Ergebnis liefert, nehme ich die Herausforderung an. Es hat mir Freude bereitet, das neu gewonnene Wissen anzuwenden und mit größeren Teams zu arbeiten. Es ging mir dabei nie um die Rolle als Führungskraft, sondern darum, im Team gemeinsam Ziele zu erreichen.
Franziska Seibel: Für mich stellte sich die Frage nie. Meine Geschwister sind nicht im Unternehmen, mein Vater wird sich irgendwann zurückziehen. Insofern war klar: Wenn ich ins Unternehmen komme, übernehme ich die Nachfolge. Ich habe zuvor Erfahrungen bei Gerry Weber und Hallhuber gesammelt, vor allem im Projektmanagement. An Weihnachten 2017 stellte mein Vater mir dann die entscheidende Frage.
Welche Eigenschaften bringen Sie jeweils in die Geschäftsführung ein – und wie ergänzen Sie sich als Team?
Franziska Seibel: Ich möchte diese Frage für Sylvia beantworten. Sie bringt jahrzehntelange Erfahrung und ein riesiges Netzwerk mit. Sie kennt jeden in der Branche und hat eine große Leidenschaft für Schuhe. Zudem ist sie immer auf der Suche nach neuen Informationen – das finde ich sehr faszinierend. Sie hat einen enormen Wissenspool. Wir respektieren gegenseitig unseren Freiraum. Jede hat ihren eigenen Bereich und ihre individuelle Arbeitsweise. Das gilt auch für meinen Vater, der sich weiterhin einbringt. Wir tauschen uns regelmäßig und eng aus.
Sylvia Klemens: Ich antworte für Franziska. Es macht mir unglaublich viel Spaß, mit ihr zu arbeiten. Sie ist eine sehr geerdete, junge Unternehmerin – extrem gut strukturiert, umsichtig und realistisch. Sie hat klare Zukunftsvisionen, bezieht aber auch stets die aktuelle Lage in ihre Überlegungen mit ein. Mein Eindruck ist, dass Franziska – vielleicht auch durch die Zusammenarbeit mit ihrem Vater – trotz ihres jungen Alters über eine erstaunliche Erfahrung verfügt. Das beeindruckt mich sehr.
Sie vertreten unterschiedliche Generationen und unterschiedliche biografische Hintergründe. Wie erleben Sie das Zusammenspiel – bereichernd, herausfordernd, inspirierend?
Sylvia Klemens: Ich empfinde unser Zusammenspiel als bereichernd und inspirierend – keineswegs als herausfordernd. Es ist für mich essenziell, mit jüngeren Generationen auf Augenhöhe zu arbeiten. Das gilt auch für Carl-August Seibel, dem es wichtig ist, dass wir mit unseren Themen up to date sind. Wir wollen junge Talente im Team fördern und aktuelle Themen wie Künstliche Intelligenz aktiv vorantreiben. Es darf keinen Graben zwischen den Generationen geben.
Franziska Seibel: Ich sehe das genauso. Unser Mix funktioniert sehr gut. Jeder kann vom anderen lernen und sich austauschen – und dennoch arbeitet jede eigenständig an ihren Themen.
Sylvia Klemens: Unser erstes gemeinsames Jahr war großartig. Wenn jetzt die Kaufzurückhaltung etwas nachlassen würde, wäre alles bestens. Aber wir arbeiten gemeinsam daran, Lösungen zu finden und die Herausforderungen dieser Zeit zu meistern.
Frau Klemens, Sie sind nicht Teil der Eigentümerfamilie. Welche Chancen und welche Verantwortung bringt diese Rolle in einem Familienunternehmen mit sich?
Sylvia Klemens: Ich empfinde ein starkes Verantwortungsgefühl – für das Unternehmen und meine Aufgaben. Es ist mein Anspruch, mit dem Geld der Eigentümer so umzugehen, als wäre es mein eigenes. Ich treffe Entscheidungen, wie sie ein Unternehmer treffen würde. Gleichzeitig habe ich vielleicht den Vorteil, manche Dinge mit größerer Distanz betrachten zu können. Historien fehlen mir gelegentlich, dadurch kann ich pragmatischer und nüchterner entscheiden.
„Wir fordern die Mitarbeitenden häufig auf, ihre Meinung zu äußern. Solange das konstruktiv, respektvoll und sachorientiert ist, finde ich das sehr wichtig. Wenn dann aber eine Entscheidung getroffen ist, erwarte ich, dass alle sie mittragen – auch die Kritiker.“
Franziska Seibel |Josef Seibel
Frau Seibel, Sie sind 2019 als Tochter in das Unternehmen eingestiegen. Ein Schritt, der oft mit hohen Erwartungen verbunden ist. Wie sind Sie damit umgegangen?
Franziska Seibel: Mir war bewusst, dass die Fußstapfen groß sind. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Schritt wagen will. Es ging dabei nicht nur um meinen Vater, sondern auch um die Belegschaft und die Fragen, die mit meinem Einstieg aufkamen: Jetzt kommt die Tochter – und verändert Dinge. Man wird bewertet. Meine eigenen Vorstellungen mit der Unternehmenskultur zu verknüpfen, war eine Herausforderung. Es braucht Zeit. Was ich gelernt habe: Ich kann es nicht allen recht machen. Deshalb ist es wichtig, bei sich zu bleiben – und dennoch einen gemeinsamen Weg zu finden. In unserem Fall ging es nicht nur um einen Generations-, sondern auch um einen Genderwechsel – von einem Mann zu einer Frau. Das ist ein Unterschied. Umso mehr schätze ich es, dass Sylvia an meiner Seite ist. Auch für meinen Vater war das hilfreich – besonders, da kurz nach meinem Einstieg die Corona-Pandemie kam. Er hätte in dieser Phase ohnehin nicht loslassen können.
Frauen in Führungspositionen sind in der Schuhbranche noch unterrepräsentiert. Warum ist das so – und was muss sich ändern?
Sylvia Klemens: Vielleicht zweifeln manche Frauen, ob sie der Doppelbelastung – Führung und Familie – gewachsen sind. Oder Unternehmen wirken unflexibel in Bezug auf Arbeitszeitmodelle. Ich glaube auch, dass Frauen zu oft übersehen und dadurch zu wenig gefördert werden. Eine gute Mischung und Diversität im Unternehmen ist aus meiner Sicht entscheidend. Das ist ganz fantastisch und ich kann nur dazu einladen, im Unternehmen zu schauen, wo es junge Menschen gibt, Männer, aber auch Frauen, die Talent haben und die ganz viel mitbringen und die einen riesigen Wert für die Zukunft darstellen können.
Franziska Seibel: Ich kenne es aus der Modebranche – dort lag der Frauenanteil bei rund 80 %. Beim Wechsel in die Schuhbranche hatte ich das Gefühl, dass diese in einigen Bereichen noch hinterherhinkt, auch bei der Digitalisierung. Aber inzwischen hat sich viel verändert. In vielen Unternehmen gab es einen Generationswechsel – das verändert auch patriarchale Strukturen. Jüngere Männer haben einen anderen Blick auf die Dinge.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Handelspartnern, Produktionsbetrieben oder Verbänden? Gibt es Unterschiede im Umgang?
Sylvia Klemens: Ich erlebe die Zusammenarbeit als sehr respektvoll und professionell – es macht Freude. Ich bin bei Produktions- und Handelspartnern zu Besuch und auch im regen Austausch mit den Vereinigungen. Ich sehe da keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Es ist ein wirklich gutes Miteinander.
Franziska Seibel: In Deutschland sehe ich das genauso. Im Ausland – besonders in Asien – habe ich andere Erfahrungen gemacht. Es kam mehrfach vor, dass mir Männer nicht die Hand gaben – bis sie verstanden haben, wer ich bin.
Wird Ihnen als weibliche Führungskraft Kompetenz grundsätzlich zugetraut – oder müssen Sie sich diese öfter erarbeiten als männliche Kollegen?
Franziska Seibel: Dazu fällt mir ein Erlebnis ein. Ich war bei Gerry Weber im Projektteam und wir saßen mit unseren Teams aus unterschiedlichen Abteilungen oft in großen Meetingräumen zu Diskussionsrunden. Ich hatte eine Art Projektleitungsrolle inne, in der ich direkt an den Vorstand berichtete. Unser Team hat für die Meetings alle Informationen gesammelt und aufbereitet, wir haben die Meetings strukturiert und waren für ihren Ablauf verantwortlich. Und dann kam ein Kollege herein, der mich durchgehend für die Sekretärin hielt. So ging mir das oft in diesen großen Runden. Ich war zu jung, als dass man mir zugetraut hätte, dass ich solche Meetings organisiere. Männer sind oft weniger empathisch. Sie sehen eine junge Frau, die fleißig mitschreibt – das muss dann die Sekretärin sein. Da musste ich dann beweisen, dass ich mich kümmere, organisiere, nachfrage und dranbleibe. Und wenn man dann nicht so laut ist wie ein Mann und eher zurückhaltend agiert, dann ist man halt ein Püppchen.
Sylvia Klemens: Auch ich hatte als junge Frau öfter das Gefühl, dass ich wesentlich mehr tun muss als ein Mann, um die Anerkennung meiner Chefs zu bekommen. Das kam aber auch aus mir selbst heraus. Ich habe viel mehr gearbeitet und versucht, mich breiter aufzustellen, mir mehr Wissen anzueignen. Irgendwann habe ich den Eindruck gehabt, dass es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Man hat auch selbst gewisse Rollenbilder im Kopf und muss aufpassen, dass man sich darin nicht verliert. Und wenn andere ein gewisses Rollendenken zum Ausdruck bringen, muss man sie vielleicht auch mal darauf hinweisen und sagen: Stopp! Ich habe hier eine verantwortliche Rolle, ich entscheide.
Welche weiblichen Vorbilder haben Sie geprägt – innerhalb oder außerhalb der Branche?
Franziska Seibel: Ich lasse mich von vielen inspirieren – Frauen und Männern. Aber Frida Kahlo beeindruckt mich besonders. Ihre mentale Stärke trotz ihres Leidensweges, ihr unerschütterlicher Glaube an sich selbst – das ist großartig. Und das in einem Land wie Mexiko, wo Frauen es schwer hatten.
Sylvia Klemens: Meine Mutter war mein Vorbild. Sie verstarb, als ich 23 war. Sie hat im Beruf und in der Familie ihren Weg gefunden. Heute treffe ich immer wieder beeindruckende Frauen wie Franziska, deren strukturiertes Vorgehen ich sehr schätze. Oder eine junge Händlerin wie Lisa Volk-Winterer, die ihre Rolle mit großer Leidenschaft lebt. Es müssen nicht immer berühmte Persönlichkeiten sein – inspirierende Menschen findet man überall.
Wie wichtig ist Ihnen ein „neuer Führungsstil“ – also mehr Kommunikation, Transparenz, Beteiligung? Oder braucht es manchmal auch klare Ansagen und schnelle Entscheidungen?
Sylvia Klemens: Ich glaube, dass Frauen etwas einfühlsamer und empathischer sind. Sie versuchen, die Menschen mitzunehmen, soweit es möglich ist. Wir hatten bei Josef Seibel im letzten Jahr einige strukturelle Veränderungen. Wir haben Ziele formuliert und versucht, den Mitarbeitenden zu erklären, wo wir hinwollen. Es gibt aber auch Momente, in denen man sagen muss: Es ist jetzt keine Zeit, um die Dinge auszudiskutieren. Ihr seid jetzt alle informiert, nun geht es darum, dass wir in die Umsetzung kommen.
Franziska Seibel: Wir fordern die Mitarbeitenden häufig auf, ihre Meinung zu äußern. Solange das konstruktiv, respektvoll und sachorientiert ist, finde ich das sehr wichtig. Denn die Teams müssen ja an den Themen arbeiten. Wenn dann aber eine Entscheidung getroffen ist, erwarte ich, dass alle sie mittragen – auch die Kritiker. Unser Stil heute unterscheidet sich durchaus von dem meines Vaters. Er war jahrelang alleiniger Chef und hat auf dieser Grundlage entschieden. Aber das war eine andere Zeit. Ich habe Momente erlebt, in denen ich spürte, dass es manchen Menschen im Unternehmen schwerfällt, damit umzugehen, dass ich es anders mache. Sie waren daran gewöhnt, eine Ansage zu bekommen und nicht daran, ihre Meinung zu einem Thema zu sagen.
„Ich empfinde ein starkes Verantwortungsgefühl – für das Unternehmen und meine Aufgaben.“
Sylvia Klemens|Josef Seibel
Welche Werte sind Ihnen in der Zusammenarbeit besonders wichtig?
Franziska Seibel: Eine offene Kommunikation.
Sylvia Klemens: Für mich ist Verlässlichkeit zentral. Aufgaben sollen klar und ohne mehrfaches Nachfassen erledigt werden. Und die Kommunikation auf Augenhöhe.
Was tun Sie konkret, um Frauen im Unternehmen zu fördern?
Sylvia Klemens: Das ist für uns ein sehr wichtiges Thema. Wir haben beispielsweise eine junge Frau in der Firma, die uns ganz klar zeigt, dass sie sich weiterentwickeln möchte. Sie hat großen Spaß an ihrer Arbeit und fordert über ihre normalen Tätigkeiten hinaus Aufgaben ein. Das ist eine Person, die wir fördern wollen. Darum geben wir ihr jetzt die Möglichkeit, einen Produktmanager-Lehrgang zu machen. Wir investieren in sie. Denn wir möchten Menschen, die Spaß am Unternehmen und an der Branche haben, fördern und voranbringen. Das hat allerdings nichts mit dem Geschlecht zu tun. Aktuell gibt es bei Josef Seibel viele junge Frauen, die schwanger sind. Wir jonglieren derzeit, um die Aufgaben umzuverteilen. Das erfordert unser permanentes Vorausdenken, denn diese Frauen sind nicht ohne Weiteres zu ersetzen. Wir versuchen, im Bedarfsfall Lösungen anzubieten, seien es Teilzeitstellen oder Homeoffice.
Franziska Seibel: Wenn wir Angst davor hätten, dass Frauen schwanger werden und Auszeiten nehmen, dürften wir keine Frauen zwischen 20 und 40 Jahren einstellen. Solche Überlegungen stehen nicht zur Debatte. Die Frage, ob eine Frau die Kombination von Job und Familie vielleicht nicht hinbekommt, stellt sich für uns nicht.
Wie finden Sie in einem anspruchsvollen Alltag Ihre persönlichen Kraftquellen?
Franziska Seibel: Für mich ist es wichtig, jeden Tag gut zu starten. Dafür stehe ich früh auf, idealerweise um 5.30 Uhr, und nehme mir ganz bewusst Zeit für mich. Ich mache Yoga, trinke in Ruhe meinen Kaffee, lese noch einige Seiten oder beschäftige mich anderweitig. Das ist zu meinem Ritual geworden. Abends fehlt oft die Zeit für solche Ruhephasen. Man hat noch Dinge zu erledigen und ist unterwegs. Die morgendlichen zwei bis zweieinhalb Stunden meiner Zeit sind für mich essenziell. Und danach fahre ich ins Büro.
Sylvia Klemens: Ich tanke Kraft bei meiner Familie, meiner Tochter und meinem Mann – und natürlich unserem Hund. Ein Ort für Inspiration, Regeneration und Ausgleich ist für mich der Wald. Ich wohne mitten im Pfälzerwald und die Natur ist für mich eine Kraftquelle. Ich brauche Bewegung und frische Luft, ich brauche das Grün. Und so sammle ich wirklich massiv Kraft und Energie. Und dann ist auch für mich der ruhige Start in den Tag wichtig: zwei, drei Tassen Kaffee und ein kleines, gesundes Frühstück mit meinem Mann, eine kleine Runde mit unserem Hund und der Blick in die Zeitung.
Welche drei Ratschläge würden Sie jungen Frauen für den Einstieg in Führungsrollen mitgeben?
Sylvia Klemens: Dranbleiben, durchhalten, in Vorleistung gehen. Die Anerkennung folgt dem Engagement.
Franziska Seibel: Authentisch und mutig sein. Angst ist ein schlechter Ratgeber – egal wann und wo.
In der Geschäftsführung von Josef Seibel verantwortet Sylvia Klemens die Bereiche Entwicklung, Produktion und Vertrieb. Franziska Seibel leitet Marketing, E-Commerce, die eigenen Shops und ab 2026 auch die IT. Sie trat 2019 in das Unternehmen ihres Vaters Carl-August Seibel ein. Sylvia Klemens kehrte im Herbst 2024 nach einer beruflichen Zwischenstation bei Waldläufer zur Seibel-Gruppe zurück.