Welche Rolle spielen Treueprogramme für mittelständische Händler im Vergleich zu großen Filialisten?
Ich würde da heute kaum noch differenzieren. Wo liegt denn – abgesehen vom Budget – der grundsätzliche Unterschied zwischen einem Händler mit drei Standorten und einem mit 300? Die Kunden ticken letztlich sehr ähnlich. Aus meiner Sicht gibt es inzwischen kaum noch ein Unternehmen ohne eine Form von Kundenbindungsmaßnahmen. Das Thema entwickelt sich klar vom Nice-to-have zum strategischen Element.
Gerade für kleinere Unternehmen ist es allerdings eine Herausforderung, mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Wir sehen, welche Summen große Unternehmen allein in technische Lösungen investieren. Da entsteht schnell der Eindruck, dass kleinere Händler da mithalten müssen. Das bedeutet aber nicht, dass jedes Unternehmen automatisch eine App braucht. Es gibt auch andere Wege – von der klassischen Stempelkarte bis hin zu Loyalty-Events oder anderen Maßnahmen zur Kundenbindung. Entscheidend ist, dass überhaupt etwas passiert.
Meine zentrale Botschaft ist deshalb: Das Thema betrifft alle. Gleichzeitig sehen wir gerade im Mittelstand einen deutlichen Schmerzpunkt, weil die Digitalisierung manche Unternehmen schlicht zu überrollen droht. Genau daraus leitet sich aber auch unser Auftrag ab, verständliche und bezahlbare Lösungen anzubieten. Dass der Bedarf groß ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass wir in diesem Mittelstandssegment derzeit so stark wachsen.
Also wird Kundenbindung 2026 zur Pflichtausstattung im Einzelhandel?
Ja. Das hat mehrere Gründe: Während Kundenbindung früher häufig über Plastikkarten oder Stempelpässe lief, hat sie sich inzwischen zu einem strategischen Thema entwickelt. Händler können heute Kundendaten strukturierter erfassen und besser verstehen, welche Angebote für welche Zielgruppen relevant sind. Es geht darum, Kaufverhalten und Vorlieben genauer einzuordnen – also etwa einem Sneaker-Liebhaber die neuesten Trendmodelle zu schicken oder eine Familie mit einer Aktion für Kinderschuhe anzusprechen. Genau dieses Verständnis des einzelnen Kunden macht Kundenbindung so wertvoll. Was früher im Tante-Emma-Laden über persönliche Nähe funktionierte, lässt sich heute digital abbilden.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt: Kundenbindung schafft einen eigenen digitalen Kommunikationskanal. Händler können ihre Kunden direkt ansprechen, zum Beispiel per E-Mail oder Push-Nachricht. Gerade für mittelständische Unternehmen ist das von großer Bedeutung. Zwar verfügen viele über eine große Reichweite in sozialen Netzwerken, doch der Zugriff auf die dahinterliegenden Kundendaten ist meistens begrenzt. Ein eigener Kanal wird damit zunehmend zum strategischen Vorteil.
73 % würden auf digitale Lösungen umsteigen. Ist die physische Kundenkarte damit ein Auslaufmodell?
Wir beobachten diese Entwicklung seit rund zehn Jahren. Damals wurde noch diskutiert, ob der richtige Weg über digitale Loyalty oder über die klassische Kundenkarte führt. Heute zeigt sich sehr deutlich, dass die Plastikkarte stark an Bedeutung verliert. Selbst bei älteren Zielgruppen sehen wir, dass die meisten Nutzer längst auf die App umgestiegen sind. Bei einer österreichischen Thermen-Holding mit traditionell älterer Kundschaft nutzen inzwischen nur noch maximal 10 % die physische Karte, rund 90 % sind in der App. Dort sehen sie ihre Punkte, Statuslevel und Prämien, können Feedback geben und weitere Funktionen nutzen. Dazu kommt, dass die Plastikkarte im Handling vergleichsweise teuer ist. Das ist also zum Teil auch eine pragmatische Entscheidung.