Auslöser für die Einleitung des Investorenprozesses war laut Händle die bereits seit längerem bekannte Entscheidung des Hauptgesellschafters Siegfried Kaske, seinen Gesellschaftsanteil von 50% an der HR Group zu veräußern, da dieses Investment eine der letzten verbliebenen Beteiligungen aus dem Portfolio der Divaco ist. Die übrigen Gesellschafter – die Familien Hamm mit 45% und Dr. Matthias Händle mit 5% der Anteile – seien nach intensiver Überlegung überein gekommen, dass es im Interesse der Zukunft des Unternehmens und seiner Mitarbeiter sinnvoll sei, alle Anteile an der HR Group an einen neuen Investor zu veräußern. Die Übernahme der 50% Anteile von Kaske sei aus Sicht der Familien keine zukunftsweisende Entscheidung, so Händle. Die Aufteilung des Unternehmens, etwa durch den Verkauf der Einzelhandelssparte Reno, sei aufgrund der besonderen Unternehmensstruktur „nicht unmöglich, aber schwierig.“ Aufgrund der Verteilung der Anteile sei zudem eine Beteiligung durch einen Investor keine Option: „Wir sprechen über den Verkauf von 100%.“
Über das Bankhaus Rothschild soll nun ein strukturierter Verkaufsprozess eingeleitet werden. Dieser besteht aus mehreren Stufen. Bis Jahresende ist laut Händle mit einer Entscheidung zu rechnen. Das Signing (der Abschluss des Kaufvertrages) könnte im ersten Quartal 2016 erfolgen.
„Kein Sanierungsfall“
Nach Einschätzung von Händle ist das Unternehmen in den letzten Jahren konsequent auf die Strukturveränderungen der Branche, bedingt durch die zunehmende Digitalisierung, den stark wachsenden Onlinehandel und das veränderte Konsumverhalten, ausgerichtet worden. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, so Händle. „Die HR Group ist kein Sanierungsfall. Sie stellt für potenzielle strategische Erwerber oder Finanzinvestoren aufgrund der aktuellen Lage auf dem Finanzmarkt ein attraktives Investment dar.“
So sei das Filialportfolio im Schuheinzelhandel (Reno) in den zurückliegenden Jahren um mehr als 200 Standorte bereinigt worden. Zudem wurde das Systemgeschäft für Warenhäuser und Textilhändler (Wholesale) – dieses steht laut Händle „besser da denn je“ – unter anderem durch die Gewinnung von Neukunden ausgebaut. In Kürze soll eine neue strategische Partnerschaft im Systemgeschäft mit einem Umsatzvolumen in Höhe von 30 Mio. Euro bekannt gegeben werden.
Auch intern sei an zahlreichen Stellschrauben gedreht worden: So wurde ein einheitliches Informations- und Managementsystem für die Warenwirtschaft implementiert. Sämtliche Produkte in allen Wertschöpfungsprozessen und Vertriebskanälen wurden dabei verknüpft. Seit einigen Tagen ist auch der neue Online-Shop am Netz, mit dem die HR Group nicht nur ihren Multichannel-Ansatz ausbauen, sondern auch die Systempartner anbinden will.
„Zukunftssicherung des Traditionsunternehmens“
„Mit der Entscheidung über den Verkauf haben wir die Weichen für die Zukunftssicherung des Traditionsunternehmens gestellt“, so Händle. Die HR Group sei operativ gut aufgestellt und solide finanziert. „Aufgrund der geänderten Marktbedingungen im Schuhhandel verfolgen wir eine langfristige Wachstumspolitik. Dies erfordert neben dem organischen Wachstum ebenfalls ein Wachstum durch Zukäufe in der sich konsolidierenden Schuhbranche.“ Die HR Group biete einem potenziellen Investor eine gute Chance für eine erfolgreiche Wachstumsstory, so Händle weiter. Am 9. September wurden so genannte Teaser an rund 90 mögliche Investoren gesendet. Sollte bis Ende des Jahres kein Käufer gefunden werden, sei dies „kein Problem.“ Dann werde das Unternehmen in der bestehenden Form weitergeführt.
Die HR Group wurde im Jahr 2005 aus dem Unternehmen Hamm und der Unternehmensgruppe Reno gebildet. 4.500 Mitarbeiter sind in der HR Group beschäftigt; das Unternehmen ist in 20 Ländern im Groß-, System-, Fach- und Einzelhandel vertreten. Insgesamt betreibt die HR Group rund 500 Einzelhandels-Filialen – davon 391 in Deutschland – und 1.800 Verkaufsstellen im Systemgeschäft. 60 bis 70 der Reno-Filialen werden im so genannten Soft Franchise System betrieben. Der erwirtschaftete Umsatz im Einzelhandel liegt nach Unternehmensangaben bei etwa 600 Mio. Euro. Etwa 360 Mio. entfallen dabei auf Reno.