Im Interview mit Moderatorin Judith Rakers schilderte Kissling während des German Council Congress, organisiert vom German Council of Shopping Places, welche Ideen er entwickelt und bereits umgesetzt hat, seit er über sein Unternehmen CK Technology Solutions Investor bei Görtz wurde.
Die Ausgangslage
„Ich habe 2019/2020 ein Einzelhandelskonzept in der Tasche gehabt. Dann habe ich erfahren, dass unsere Hamburger Firma Görtz in das Verfahren gerutscht ist. Ich dachte, es wäre passend, mein Konzept mit dem Namen Görtz zu verbinden.“ Görtz sei eine sehr, sehr bekannte Marke – „ich habe noch keinen getroffen, der den Namen nicht kennt.“ Dass es ein Hamburger Unternehmen sei, sei für ihn als gebürtigen Hamburger ein „ad on-benefit“ gewesen, aber nicht ausschlaggebend – „sondern eher, dass Görtz ein toller Name ist.“
Dabei sei die Lage der Schuhbranche derzeit nicht einfach. Aber es handele sich um eine Branche, die man um- und aufbauen könne. Denn, so Kissling, „jeder trägt jeder ein Paar Schuhe. Und jeder hat im Schnitt zehn Paar Schuhe im Schrank.“
Zwar betrete er Neuland, aber der Einzelhandel habe gewisse Merkmale und Eckdaten. Wenn man diese beherrsche, könne ein Konzept funktionieren. Er habe 25 Jahre lang Logistik betrieben (unter anderem für die Coffeeshop-Kette Starbucks in den USA, Anm. d. Red.). „Wenn man einmal ein Konzept hat und weiß, wie ein Laden funktioniert, ist es vielleicht egal, ob man Kaffee verkauft oder Schuhe.“
„Ich werde Görtz ein bisschen umstellen“, erklärte Kissling. Man kenne Görtz bislang nur als Schuhhändler oder Schuhfachmarkt. Im Unternehmen habe man gerade einen Prozess abgeschlossen, in dem der typische Görtz-Kunde definiert wurde. Das Ergebnis: „Wir sind in der Mittelschicht unterwegs. Luxus decken wir nicht wirklich ab, aber die gehobene Mitte.“ Diese Mittelschicht wiederum sei auch heterogen. Sie wolle man möglichst im breit ansprechen – „mit Service und mit Qualität.“
Multichannel
An der Multichannel-Strategie des Unternehmens will Kissling festhalten, sie aber anders aufsetzen. In der Vergangenheit habe Görtz sehr stark in Online investiert, „das ist aber schwierig wegen der Retourenqote und auch, weil die Onlineverkäufe nicht selten aus den Shops heraus geliefert wurden. Das heißt, aus dem Shop geht der Schuh in den Onlineversand, wird dann von der Kundin vielleicht im Garten getragen und dann zurückgeschickt, weil es doch nicht der richtige ist. Jetzt kommt der Schuh im Zentrallager an, muss wieder aufgearbeitet werden und war zwischenzeitlich nicht in der Filiale, wo er tatsächlich hätte verkauft werden können. Wir sind also zweimal gestraft: einmal durch die höheren Kosten und andererseits durch den nicht verkauften Schuh.“
Künftig soll der Onlinehandel aus dem Lager betrieben werden. „Wir als Görtz wollen Qualität und Service bieten. Wir beraten Kunden und suchen ihnen Schuhe aus. Wir wollen nicht, dass der Verkäufer, der die Kunden beraten soll, Kartons packt für den Onlineverkauf.“ Ziel sei es daher auch, den Verkauf persönlicher zu gestalten, „damit man nicht nur in den Laden kommt, weil man ein Paar Schuhe braucht, sondern weil man inspiriert ist.“
Shopping Center
Einkaufscenter sind aus Sicht von Bolko Kissling interessante Locations – „wenn sie funktionieren und Frequenz haben.“ Daher werde auch künftig ein Teil der Standorte in Shopping Centern bleiben.
Die neuen Konzepte
Mit drei verschiedenen Konzepten will Bolko Kissling an den Start gehen. Zum einen soll das klassische Görtz-Schuhfachgeschäft in Innenstädten weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Portfolios bleiben.
Darüber hinaus soll das Konzept Görtz Lifestyle fashionlastiger ausgestaltet sein und ein etwas moderneres Sortiment anbieten. „Im normalen Schuhgeschäft findet man auch Komfortschuhe. Görtz Lifestyle wird eher das Outfit vom Schuh bis zur Mütze oder Brille präsentieren. Wir werden kein Modeanbieter, aber wir werden die Kombination aus Schuhen und Textilien zeigen.“ Görtz Lifestyle sei ein gutes Konzept für Shopping Center, „weil wir da eine höhere Kaufkraft der Kunden sehen.“
Das dritte Konzept, Görtz Lounge, sei ein Convenience-Store, „da kann ich einen Schuh, ein Kleidungsstück anfassen und anprobieren. Wir verbinden das mit einem Reisedesk, mit einem Banking-Schalter und mit einer Reinigungsannahme, so dass ich Traffic in den Laden bekomme von Menschen, die nicht unbedingt Schuhe kaufen wollen, aber inspiriert sind, wenn sie die Produkte sehen.“
Zu jedem dieser Produkte könne man sich auf einem Screen weitere Varianten anzeigen lassen und diese dann bestellen. „Binnen 24 Stunden ist der Schuh dann im Laden“, so Kissling. Darüber hinaus habe jeder Lounge-Store ein eigenes Anlieferknzept. „Zwischen 9 und 17 Uhr kann der Kunde kommen, vielleicht einen Kaffee trinken und sich inspirieren lassen. Von 6 bis 9 und von 17 bis 21 Uhr liefern wir zu ihm nach Hause. Wir bieten auch an, unseren Laden als Lieferadresse anzugeben auch für andere Bestellungen. Wir organisieren die letzte Meile“, so Kissling.
Die Standorte
Von ehemals 160 Standorten und 1.800 Mitarbeitenden ist Görtz auf aktuell 44 Geschäfte und 650 Beschäftigte geschrumpft. In Österreich sollen zwölf neue Filialen hinzukommen. Es handelt sich laut schuhkurier-Informationen um ehemalige Salamander-Standorte.
Die Mitarbeitenden
Es sei eine Herausforderung, die Menschen im Unternehmen auf dem neuen mitzunehmen, erklärte Kissling in Berlin. Aufbruchstimmung und viel Umsetzungskraft nehme er in den Filialen wahr, wo erste Ideen bereits umgesetzt wurden. In der Zentrale herrsche oft noch ein anderer Geist. Seiner Auffassung nach sei die Zentrale zur Unterstützung der Filialen da – und nicht umgekehrt. Er wünsche sich, dass die Menschen im Unternehmen sehen, dass eine Veränderung notwendig sei, so Kissling.
Die Eigenmarken
Rund 30% des Umsatzes generiert Görtz laut dem neuen Inhaber derzeit über Eigenmarken. „Ich glaube, dass diese Eigenmarken teilweise falsch eingestellt waren. Wir müssen uns auf die Cluster unserer Kunden konzentrieren und dafür die Eigenmarken produzieren.“
Das Jahr 2023
Kissling: „Dieses Jahr ist ein Durchhalte- und Übungsjahr. Wir setzen voll auf das nächste Jahr. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg und werden wachsen.“