Einen „Blick aus der Vogelperspektive“ wollte Dr. Ralf Deckers zu Beginn des schuhkurier-Kongresses am 14. März im Kongresszentrum Darmstadtium in Darmstadt liefern. Und aus dieser Vogelperspektive beobachtet er ein „Land unter Stress“, in dem diverse Stressthemen zu erkennen sind, wie sie der IFH-Bereichsleiter Research Experts nennt. Drei Stressthemen stellte er heraus. Doch schon zu Beginn wollte Deckers vermitteln, dass es nichts bringe, sich nur die Probleme vor Augen zu halten: „Wichtig ist, dass man nicht im Negativen versinkt, sondern in all den Krisen schaut, was man Positives für sich herausziehen kann. Wir besprechen die Themen, aber ich hoffe, dass wir den Vortrag auf einer positiven Note beenden können.“ Doch erst mal zum Stress. Das erste Thema ist in der Inflation und den unsicheren Preisen begründet: Die Konsumenten ändern ihr Einkaufsverhalten. Zwar haben die Sorgen vor Preissteigerungen in letzter Zeit leicht abgenommen, doch sie beeinflussen das Konsumverhalten nach wie vor maßgeblich. Im Oktober 2022 hatten 68% von über 400 Befragten in einer IFH-Studie angegeben, dass ihnen die Preissteigerungen persönlich Angst machen würden. Ein Jahr später waren es immer noch 64%.
„Es gibt einen recht hohen Anteil der Leute, die das beschäftigt und ängstigt, und man kann auch nicht sagen, dass es da Gewöhnungseffekte gibt“, erläutert Deckers. Unverändert haben letztes und vorletztes Jahr 55% angegeben, dass sie Angst haben, den Lebensstandard nicht mehr halten zu können. „Dazu kommt, dass der ein oder andere denkt, dass da noch etwas kommt und das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist“, führt er aus. Haben im Oktober 2022 79% der Befragten angegeben, dass noch Preissteigerungen kommen würden, waren es im Oktober 2023 nach wie vor 65%. Diese Ängste führen zum Sparen, was die Konsumstimmung weiter drückt. Mit Blick auf tatsächliche Verhaltensänderungen haben im Oktober 2023 41% der Befragten angegeben, dass sie ihre Ausgaben angesichts der Preissteigerungen reduziert haben. 35% planten noch Ausgabenreduzierungen.
Online-Shift bleibt stabil
38% der Befragten, 8 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr, haben angegeben, dass sie lieber online shoppen als stationär, da sie dort einfacher die Preise vergleichen können. Das führt zum zweiten Stressthema für den stationären Einzelhandel: Seit Corona hat sich die Kanalverschiebung in Richtung online beschleunigt. Der Shift zum Online-Handel hat sich 2023 mit Blick auf die Zahlen des BEVH abgeschwächt (-11,5% E-Commerce-Umsatz zum Vorjahr), doch seit Ende letzten Jahres haben sich die Online-Umsätze auf einem stabilen Niveau eingependelt. „Es kam zwischenzeitlich die Frage auf, ob die Online-Party schon vorbei ist, aber man kann schon sehen, dass sich der Konsum in den Online-Bereich verlagert“, bewertet Deckers. Konstant gab im Laufe des vergangenen Jahres rund ein Drittel der Verbraucherinnen und Verbraucher in einer wöchentlichen Umfrage an, Einkäufe im Internet statt im Geschäft erledigt zu haben. In der 12. Kalenderwoche 2020, als gerade die ersten coronabedingten Schließungen angekündigt wurden, lag dieser Wert noch bei 13%. „Während der Pandemie hat sich der Online-Shift immer mit der aktuellen Lage entwickelt. Wenn es Lockdowns gab, hat man online eingekauft. Als man wieder rausgehen wollte, hat der Shift nachgelassen. Jetzt ist der Shift auf einem konstanten Level“, beschreibt Deckers, wie sich das Kundenverhalten seit der Pandemie verändert hat. Im direkten Vergleich zwischen den Schuhverkäufen 2019 und 2023 fällt auf, dass der Anteil der Internet-Pure-Player und Versender von 16% auf 23% gestiegen ist, während der Anteil der Schuh-, Sport- und Modefachhändler von 75% auf 71% gesunken ist. Relativ betrachtet haben sich vor allem Kaufhäuser und Warenhäuser besonders negativ entwickelt. Der Anteil dieses Retail-Konzepts ist von 3% auf 1% geschrumpft. Die Auswirkungen auf den stationären Einzelhandel sind deutlich. Zwischen 2000 und 2023 hat sich die Zahl an Schuhhandelsunternehmen von 7.247 auf geschätzt 2.600 reduziert.