Inhabergeführte Unternehmen im Schuhhandel haben Ihrer Meinung nach also eine echte Perspektive. Sie haben aber auch Herausforderungen: Personal und Nachfolge.
Absolut – aber das sind zweifellos die zentralen Themen der kommenden Jahre. Man muss nüchtern und realistisch auf die Fakten schauen. Die Pensionierungswelle, die uns in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren ins Haus steht, wird nahezu jeden treffen. Es werden auf Sicht viele Einzelhandelsstandorte wegfallen, weil sie keine Nachfolge haben. Da müssen wir ran. Das führt aber zu einem grundsätzlichen Thema: der Gesamtrentabilität. Wenn man am Ende des Tages, mit dem was man aufopfernd betreibt, kein Geld verdient, um in dieses weiter zu investieren und Zukunft aktiv gestalten zu können, ist das für jeden unattraktiv, ob Inhaberfamilie oder angestellter Mitarbeiter. Hinzu kommt, dass die Branche in weiten Teilen deinvestiert ist. Es gibt so viele Baustellen, in die Geld, Zeit und Ressourcen fließen müsste. Aber wenn ich das Geld nicht verdiene, kann ich es auch nicht investieren. Das ist ein Teufelskreis.
Wie ist es zu dieser mangelnden Rentabilität gekommen?
Es gibt Händlerkollegen, die in den vergangenen Jahren besten Umsätze verzeichnen konnten und am Ende eine schwarze Null oder sogar ein leicht negatives Ergebnis hinnehmen mussten. Das ist einfach zu erklären: In Österreich ist der Verbraucherpreisindex in den letzten zwei Jahren um knapp 20% gestiegen. Ich kenne aber keinen, der 20% mehr Rohertrag erwirtschaftet hat, um die Preissteigerungen zu kompensieren. Und die Konsumenten haben auch nicht 20% mehr verdient. So entstehen eine gewisse Preissensibilität und Konsumzurückhaltung. Rückläufige, absolute Verkaufsmengen können nur bedingt durch höhere Durchschnittspreise kompensiert werden.
In den Diskussionen mit Händlern klingt häufig durch, dass Schuhe zu höheren Preisen verkauft werden müssten – und dass der Handel eine höhere Marge braucht.
Unbestritten – aber einfach Preise erhöhen, das wird nicht das Allheilmittel sein. Wir müssen schauen, dass wir alle Themenstellungen, die die Gesamtrentabilität erhöhen, gleich stark gewichten und bearbeiten. Wir müssen über Durchschnittspreisentwicklungen, Abverkaufsquoten, LUG, Lagerkapitalbindung, absolute Deckungsbeiträge, Vororder- und Nachorderquoten und vieles mehr sprechen, welche die Ertragskraft im Handel stärkt. Auch das ECC kann hier eine wichtige Rolle spielen. Ich bin der Überzeugung, dass wir vieles selbst in der Hand haben. Wir können gemeinsam gestalten und gute Schritte vorwärts machen. Dass wir die Gesamtumstände eh nicht ändern können, diese Ausrede lasse ich nicht gelten. Kehren wir vor der eigenen Haustüre, schauen wir, was wir selbst beeinflussen können.
Es gibt aber Entscheidungen, die der Handel selbst nicht beeinflussen kann und die ihn dennoch stark betreffen. Die Entscheidungen von Lieferanten beispielsweise, den Schuhhandel nicht mehr zu beliefern.
Wie viele Marken sind in den letzten Jahren diesen Weg gegangen? In der Zeit, als diese Marken im Handel vertreten waren, haben die Unternehmen mit ihnen gutes Geld verdient. Nun sind sie nicht mehr da. Damit muss der Handel leider umgehen können und einen Weg finden, um sich neu zu positionieren und weiterzuentwickeln. Sie müssen sich fragen, wofür ihr Unternehmen steht. Zeichnen es die Marken aus, die es im Sortiment führt? Oder sind es die eigenen Stärken, die eigene Kultur, die DNA, das Unternehmen an sich? Ein Schuhhaus kann seinen Kunden seine eigene Relevanz vermitteln, bei ihm einzukaufen. Die Händler treffen die Wahl, was sie einkaufen. Wenn dann eine Marke wegfällt, muss man damit umgehen können. Umgekehrt gefragt – wie kann er Handel attraktiv für Marken werden? Retail-Exprience, Emotionalisierung am Point of Sale, Beratungs- und Servicekompetenz.
Der Kunde könnte dann aber der Marke folgen und sie im Internet – möglicherweise im D2C-Shop – kaufen. Dann geht er nicht in das Schuhhaus und sucht nach einer Alternative.
Das stimmt. Die Geschichte ist aber nicht neu. Sport- und Lifestylemarken wie Adidas, Nike, Reebok und andere Sneakermarken waren früher stark im Schuhhandel vertreten und sind es heute nicht mehr. Heute haben sie neue Kanäle mit starkem Fokus auf die eigene Marke. Sie haben das konsequent durchgezogen und damit einen guten Job gemacht. Dass das für den einzelnen Händler nicht gut war, kann ich nachvollziehen. Es gibt aber auch im Brownshoe-Bereich viele großartige Entwicklungen, mit denen Händler Geld verdienen können – wenn sie sich damit intensiv beschäftigten. Marken wollen ein entsprechendes Umfeld, um sich zu zeigen und als relevant wahrgenommen zu werden. Da sind wir wieder beim Thema Attraktivität im Schuhhandel.