Welche Situationen sind es, die Sie zum Kochen bringen?
Es gab Fragen wie: „Musst Du das jetzt noch abklären in Deiner Firma?“ Und ich antworte dann: „Nein, denn es ist meine Firma.“ Das sind aber meist nur Erstbegegnungen. Wenn man mit Menschen länger zusammenarbeitet, funktioniert das in der Regel gut und es gibt keine solchen Nachfragen mehr. Und ohnehin kann ich solche Erlebnisse an einer Hand abzählen.
Welche Themen treiben Sie derzeit besonders um, wenn Sie an die Zukunft des stationären Schuhhandels denken?
Mich treibt sehr, sehr viel um. Wir sind gerade am absoluten Scheidepunkt unserer Branche, Ausgang ungewiss. Nach der Geburt meiner Tochter im Frühjahr haben sich die größten Zweifel aufgetan, die ich jemals hatte. Das kenne ich auch so gar nicht von mir. Die Branche steht vor Riesenproblemen. Jeder spricht darüber. Das tut auch gut. Aber ich habe dann gemerkt, dass ich mich habe mitreißen lassen. Ich habe das reflektiert und mit etwas Abstand blicke ich doch wieder sehr, sehr positiv in die Zukunft. Wir haben etliche Chancen, wir müssen nur erst an den Lösungen arbeiten. Dass wir Brennpunkte haben, ist ganz klar, aber es gibt immer Lösungen. Mein größter Pain Point ist das Thema Lohnkostenentwicklung, Stichwort Mindestlohn. Dann das Thema Margen und Kosten. Wenn ich mir meine BWAs anschaue, wird klar, wie jeder Kostenpunkt explodiert – bei Umsätzen, über die wir nicht sprechen müssen. Aktuell befassen wir uns intensiv mit dem Vereinfachen und Wegrationalisieren von unnötigen Prozessen, vom Point of Sale bis zum Lager. Und was mich auch umtreibt, ist das Thema Markenzugang. Ich will Marken, die begehrenswert sind. Wir müssen die Frequenzen steigern. Ein weiterer Punkt, der mir auf der Seele liegt, ist ein Investitionsstau, den wir in den nächsten Jahren erleben werden. Wie bekommen wir es hin, dass wir 2026 und darüber hinaus schöne, zeitgemäße Ladenkonzepte entwickeln, ohne sechsstellige Beträge für Renovierungen auszugeben? Wir schauen also extrem genau hin, welche Bereiche für uns gewinnbringend und zukunftssicher sind. An welche Bereiche wir glauben und welche in der Vergangenheit nice-to-have waren, nun aber nicht mehr die große Bedeutung haben.
Was würden Sie jungen Frauen raten, die sich mit dem Gedanken tragen, ins Familienunternehmen einzusteigen oder in den Schuhhandel?
Lasst euch nicht entmutigen – weder kleinreden noch ausbremsen! Macht einfach mal, haltet nicht zu arg an dem fest, was in der Vergangenheit war. Geht neue Wege. Und, ganz wichtig, macht es nicht von heute auf morgen, das überfordert nämlich alle. Man braucht da einen strategischen Plan. Dann kann man darauf hinarbeiten. Und vor allem: Stellt euch mit den vielen starken Männern der Branche auch mal an die Bar, da werden die meisten nämlich handzahm.
Wenn Sie morgens aufstehen, was motiviert Sie? Was macht Sie stolz?
Ich bin jetzt zwar erst sieben Jahre auf dem Geschäftsführungsposten, aber ich glaube, es waren mit Sicherheit die sieben turbulentesten Jahre, die unsere Branche erlebt hat. Ich bin mega stolz, dass ich nie aufgegeben habe und täglich den Drang verspüre, Dinge besser zu machen und zu optimieren, mich selbst eingeschlossen. Ich begreife mich selbst als fortlaufendes Projekt. Wir haben unser Unternehmen durch die Pandemie gelenkt, wir haben in der Zeit vier Stores eröffnet und einen geschlossen, wir sind in eine neue Firmenzentrale gezogen, haben den kompletten E-Commerce umstrukturiert und die Mitarbeiteranzahl auf 75 verdoppelt. Natürlich macht mir die Zukunft in gewisser Weise auch Angst. Aber ich bin 33 Jahre alt. Ich habe mein Berufsleben noch vor mir. Und ich bin sehr, sehr dankbar, dass diese Tage des Zweifelns Randerscheinungen sind. Dass ich an den meisten Tagen lösungsorientiert denken kann. Mir ist durchaus auch bewusst, dass meine und unsere Arbeit in fünf Jahren mit Sicherheit nicht mehr der von heute entsprechen wird. Aber ich glaube, der große Unterschied ist, dass mir das keine Sorgen, sondern Hoffnung macht.