Das diesjährige Thema des Marktgesprächs Lederwaren hatte in den Tagen zuvor enorm an Brisanz und Aktualität gewonnen – leider. Die knapp 30 Vertreter aus Handel, Industrie und von Verbänden hatten alle noch die furchtbaren Ereignisse in den Textilfabriken in Bangladesch im Hinterkopf, als sie sich zum Gedankenaustausch über soziale und ökologische Standards in der Lederwarenbranche trafen.
Entsprechend konstruktiv und differenziert setzten sie sich mit Fragen nachhaltigen Wirtschaftens auseinander. Schließlich sind sich alle bewusst: Was in der Textilbranche geschehen ist, kann in dieser oder ähnlicher Form auch in der Lederwarenbranche passieren.
Zum Einstieg in die Diskussion stellte HDS/L-Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert den Code of Conduct der Schuh- und Lederwarenbranche vor. Bettina Roth, die bei Vaude das Qualitätsmanagement verantwortet, zeigte im Anschluss, mit was für einem breit gefächerten Bündel an Maßnahmen der Outdoor-Ausrüster bis 2015 Europas nachhaltigstes Unternehmen der Branche werden will.
Am Ende des Tages stand die Erkenntnis, dass sich einfache Lösungen angesichts der Komplexität des Themas “Nachhaltigkeit” verbieten. Für viele Teilnehmer der Diskussionsrunde ist die Umsetzung verschiedener Maßnahmen eine moralische Frage, bei der es weniger um das “ob”, sondern vielmehr um das “wie” geht. Es wäre grob fahrlässig von der Lederwarenbranche, wenn sie sich künftig nicht verstärkt mit nachhaltigen Produktionsprozessen auseinandersetzen würde. BLE-Präsident Dr. Joachim Stoll ist überzeugt: “Wir müssen extern Know-how einkaufen und uns als Branche einen Qualitätsschub leisten.” LR fasst die wesentlichen Gedanken der Gesprächsrunde zusammen.
Schadstoffe, Arbeitsbedingungen, Zertifikate – was interessiert die Kunden?
Das Kundenverhalten lässt sich nicht knapp auf einen Punkt bringen. Bettina Roth von Vaude berichtete, dass der Outdoorausrüster in den letzten Wochen “einen enormen Anstieg an Endverbraucherfragen” zu Schadstoffen registriert.
Michael Genth (Leder Spahn, Saarbrücken) machte die Erfahrung, dass für den Kunden das Thema Nachhaltigkeit nicht an erster Stelle steht. “Es gibt nach wie vor viele Kunden, für die die preisliche Schmerzgrenze entscheidend ist. Primark, Lidl & Co. prosperieren ja nicht ohne Grund.” Es könne daher Sinn machen, im Verkaufsgespräch auf etwaige Zertifikate und Aktivitäten von Lieferanten hinzuweisen und so ein Bewusstsein für den Mehrwert zu schaffen. “Der Kunde macht das Thema Nachhaltigkeit am Produkt fest. Dieses muss in seiner Gesamtheit glaubwürdig sein, um auch den Mehrpreis zu rechtfertigen”, ist auch Bernhard Offermann von Leder Offermann in Köln überzeugt. Dietmar Jost warf ebenfalls ein, dass man sich “nicht vom Preiskunden verabschieden” dürfe. Läuft deshalb letztlich alles auf die Entscheidung ‘günstig oder nachhaltig’ hinaus?
Holger Stappen, QM-Experte bei Galeria Kaufhof, richtete in diesem Zusammenhang den Blick über den Verkaufsraum hinaus. Es komme immer darauf an, wer sich für die Thematik interessiere. Wenn Nichtregierungsorganisationen oder die Presse Missstände aufdecken, wirke sich dies leicht auf das Kaufverhalten der Kunden aus.
Ökologie vs. CSR – gibt es Prioritäten?
Wie packt die Lederwarenbranche das Thema Nachhaltigkeit konkret am besten an? Diese Frage beschäftigt Michael Genth (Leder Spahn, Saarbrücken). Sein Vorschlag: Ohne die Wichtigkeit fairer sozialer Arbeitsbedingungen zu bestreiten, sollte man vielleicht doch zuerst die Schadstoffproblematik in Angriff nehmen.
Assima-Geschäftsführer Siegfried Despineux widersprach: Er findet dagegen gerade die sozialen Standards wichtig. “Die Arbeitsbedingungen sind zum Teil brutal. Solche Produkte möchte eigentlich kein Mensch kaufen – und doch sind die meisten Kunden weiterhin sehr auf den Preis bedacht.” Auch Holger Stappen hält eine Priorisierung für schwierig: “Es ist einfach ein hochsensibles Thema. Wir Händler kommen in den Fokus der Behörden. Das Thema Schadstoffe müsste eigentlich längst erledigt sein.”
Blauer Engel, Fairtrade und Co. – macht ein “Branchensiegel” Sinn?
Auch die Frage, ob ein eigenes Siegel für die Lederwarenbranche bei der Umsetzung bestimmter Richtlinien hilfreich sein könnte, wurde diskutiert. “Siegel sollen Aspekte garantieren, die über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgehen oder die noch gar nicht reglementiert sind. Ein solches Label muss im Lederwarenbereich aber erst etabliert werden”, konstatierte Thomas Picard. Es müsse zudem gut durchdacht sein und mit den sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen der einzelnen Unternehmen kompatibel sein. Hinzu komme, dass es bereits zahlreiche Siegel gebe, deren verschiedene Inhalte und Bestimmungen in weiten Teilen nicht bekannt seien. “Vielleicht ist es deshalb sinnvoller, das Wissen über die vorhandenen Siegel zu teilen und nicht noch ein Eigenes oben drauf zu setzen.”
Dieser ‘Siegel-Dschungel’ sei auch für den Endverbraucher nur schwer zu durchschauen, pflichtete Holger Stappen bei. “Man braucht ein Diplom, will man alle Zertifizierungen kennen. Weniger ist hier vielleicht mehr.” Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass auch hinter Siegeln Wirtschaftsunternehmen stecken: “Wie wird geprüft und von wem? Welche Kriterien haben welches Gewicht? Das muss transparent sein.”
Welcher finanzielle Aufwand zudem hinter der gewünschten Stärkung einer verantwortungsvollen Produktion steht, zeigte Thomas Picard auf. Der Lederwarenspezialist produziert seit 1995 in Bangladesch. Seit einem Jahr läuft ein Qualifizierungsprogramm der dortigen Betriebstätte entsprechend international anerkannter Kriterien der International Labour Organisation (ILO) und der Gesetzgebung des Landes. ILO ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf, die das Ziel hat, menschenwürdiges Arbeiten auf der ganzen Welt durchzusetzen. Für das Qualifizierungsprogramm rechnet Picard mit Ausgaben von rund 200.000 Euro. “Und dabei sind wir noch sparsam mit dem Geld umgegangen.”
Anstelle eines Branchensiegels kann sich Goldkrone-Geschäftsführer Hans Peter Stückler eher vorstellen, die typische Unternehmenskultur in der Lederwarenbranche in die Waagschale zu werfen. “Wir haben es mit Familienunternehmen zu tun, die sich schon immer mit Aspekten der Nachhaltigkeit auseinandersetzen.”
“Tue Gutes und rede drüber” oder lieber den Ball flach halten – die Kommunikation mit der Öffentlichkeit
Manfred Junkert betonte in seinen Ausführungen zum Code of Conduct, wie wichtig die Kommunikation nach außen sei. Bettina Roth pflichtete ihm bei und erwähnte in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung der verschiedenen Social Media-Kanäle, durch die schnelle Informationen gegeben und direkt mit Kunden und Interessierten kommuniziert werden könne. Siegfried Despineux merkte hingegen an, dass es bisher noch nicht einmal eine Liste derjenigen Unternehmen gebe, die sich dem Code of Conduct verpflichtet hätten. “Vielleicht ist dies der erste Schritt im Sinne der Kommunikation und Transparenz, dies einsehbar zu machen.”
Doch wer in die Offensive geht, macht sich angreifbar. “Die NGOs gehen bis an den Anfang der textilen Kette”, weiß Bettina Roth. Unumwunden gab sie zu, dass auch Vaude nicht vor Missständen gefeit sei. Vor Chrom VI gebe es keine hundertprozentige Sicherheit. Und da der Handel nicht immer zum aus Sicht der Produktion idealen Zeitpunkt seine Order platziere, die Ware aber dennoch pünktlich ausgeliefert werden solle, komm es doch immer wieder zu Überstunden in den Betrieben. Dietmar Jost fragt sich daher, wo die Grenzen der Nachprüfbarkeit liegen und welchen Partnern man wie weit trauen könne. Daher stellt er für sich daher fest: “Wir tun uns schwer, aktiv über die Thematik zu sprechen.”
Fazit
Am Ende des Tages stand die Erkenntnis, dass sich einfache Lösungen angesichts der Komplexität des Themas “Nachhaltigkeit” verbieten. Für viele Teilnehmer der Diskussionsrunde ist die Umsetzung verschiedener Maßnahmen letztlich eine moralische Frage, bei der es weniger um das “ob”, sondern vielmehr um das “wie” geht. Die grundsätzliche Bereitschaft, die Sache anzupacken ist – ebenso wie das Bewusstsein für ihre Brisanz – gegeben, jedoch wurde während des Gesprächs allzu deutlich, was für einen ‘Domino-Effekt’ das Thema mit sich bringt – und wie groß die Diskrepanz zwischen dem Kundenwunsch nach günstigen Preisen auf der einen und fairem ökologisch-sozialem Wirtschaften auf der anderen Seite ist.
In einem Punkt waren sich alle Gesprächspartner einig: Es wäre grob fahrlässig von der Lederwarenbranche, wenn sie sich künftig nicht verstärkt mit nachhaltigen Produktionsprozessen auseinandersetzen würde. BLE-Präsident Dr. Joachim Stoll ist überzeugt: “Wir müssen extern Know-how einkaufen und uns als Branche einen Qualitätsschub leisten.”