Großer Bahnhof in München. Die Ispo lockt die Massen an. 85.000 strömen an vier Tagen auf das Messegelände der bayerischen Landeshauptstadt.
Das Interesse an Sports-, Active- und Performance-Wear ist riesig. Und dann auch noch das: Adidas ist zurück. Der Branchenriese präsentiert sich nach elf Jahren Ispo-Abstinenz jedoch nicht, wie zu vermuten wäre, mit einem bombastischen XXL-Stand, sondern engagiert sich als Partner der Messe im Rahmen eines Event- und Vortragsprogramms. Das Thema des Symposiums könnte aktueller nicht sein: ’Digitalisierung als Wachstumsimpuls für Industrie und Handel‘. Neben anderen hochkarätigen Rednern wie David Schneider von Zalando und Frank Geisler, Chef der Schweizer Deichmann-Tochter Ochsner Sport, spricht auch Robert Auschel, als Global-Sales Vorstand Teil der Führungsspitze von Adidas. Seine Kernaussage: „Altbackenes hat keine Chance mehr – und das ist auch gut so.“ Dabei hat Auschel den stationären Handel noch lange nicht aufgegeben. Schließlich habe er sich in den vergangenen 100 Jahren nahezu permanent radikal verändert, von Tante-Emma-Läden über Discountmärkte bis hin zu hochspezialisierten Fachgeschäften mit Erlebnis-Charakter. „Es wäre sehr merkwürdig, wenn sich der Handel ausgerechnet im Zeitalter der digitalen Revolution nicht weiterentwickeln würde“, so Robert Auschel.
Der Wandel ist wesentlicher Bestandteil von Handel. Damit hat der Adidas-Vorstand Recht. Allerdings waren die Rahmenbedingungen wohl noch nie so fordernd. Von allen Seiten wird Druck ausgeübt: Onliner, die Vertikalen, Lieferanten mit eigenen Retail-Konzepten (zu denen natürlich auch Adidas gehört), der Modehandel – sie alle wollen ein größeres Stück vom Kuchen. Hinzu kommen die Kunden, die immer höhere Ansprüche an ein Einkaufserlebnis haben – oder gar nicht mehr zum Shopping in die Innenstädte fahren. Insofern ist die aktuelle Phase der Transformation einzigartig. Und trotzdem liegt Robert Auschel richtig, wenn er sagt: „Wer lamentiert oder sich wegduckt, stößt auf massive Probleme.“ Nun ist die Schuhbranche jedoch geradezu berühmt-berüchtigt für ihre Lust am Lamento… Es bedarf also zunächst eines Mentalitätswechsels in der Branche, die in weiten Teilen immer noch zu abwartend unterwegs ist. Die Grundhaltung ’Weiter so‘ führt aber über kurz oder lang in den Untergang. Es liegt nun am Handel, gegenzusteuern. Nicht alle in der Branche sind im Übrigen überzeugt, dass dies wirklich gelingen kann. So hieß es kürzlich von einem führenden Akteur der Industrie: „Warum soll ich heute noch die Bedürfnisse des Fachhandels berücksichtigen – den gibt es in zehn Jahren doch sowieso nicht mehr!“ Der Nachruf auf den Fachhandel ist also bereits geschrieben. Und in der Tat steht dieser vor gewaltigen Aufgaben. Die Branche sollte sich dennoch nicht kampflos ergeben, sondern zu einer ’kontrollierten Offensive‘ übergehen. Dafür wird es jedoch notwendig sein, ’mehr‘ zu tun als in der Vergangenheit. Und ’Altbackenes‘ über Bord zu werfen. Das ist sicher unbequem – aber alternativlos.