Nachhaltige Materialien werden sich nur dann durchsetzen, wenn sie auch nach wirtschaftlichen, qualitativen und modischen Kriterien überzeugen. Darüber waren sich die Leder- und Materialexperten Tom Schneider (ISA Tantec), Cornelia Wittke (Ecovative), Sabrina Kliese (Revoltech) und Melina Bucher auf der ILM im Rahmen einer Diskussion über innovative Materialien einig. Der Erfolg basiere auf einer kommerziellen Strategie, Branchenpartnerschaften und Kundenservice seitens der Materialentwickler.
Tom Schneider stellte gleich am Anfang klar: „Wir machen eine Alternative zu Plastik. Denn über 45 Prozent der Rindshäute wegschmeißen, macht ökologisch keinen Sinn“, sagt der Gründer des Lederherstellers ISA Tantec. Das Unternehmen gehört nicht nur zu den weltweit führenden Gerbereien, sondern entwickelt auch nachhaltige Materialien wie z.B. Hyphalite. Dieses biobasierte Material zeichne sich durch eine gute Performance aus, kämpfe aber auf Seiten der weiterverarbeitenden Marken um Akzeptanz. Ein Problem aus Schneiders Sicht: „Die Schuh- und Lederwarenbranche vermarktet ,bio content‘ nicht.“ Der höhere Preis müsse den Konsumenten erklärt werden. „Dann sind viele Kunden auch bereit, dafür zu zahlen.“
Melina Bucher stellt Taschen für ihr gleichnamiges Label aus „Mirum“ her. Dabei handelt es sich um eine kunststofffreie Lederalternative aus Naturkautschuk, Pflanzenölen und -wachsen, natürlichen Pigmenten und Mineralien. Ihrer Erfahrung nach akzeptierten die Konsumentinnen und Konsumenten einen Preisaufschlag von 10 Prozent. „Aber das war es.“
Um auf ein konkurrenzfähiges Preisniveau zu kommen, müssten Materialentwickler von Anfang an daher auf eine skalierbare Technologie bauen, führte Cornelia Wittke aus. Vor allem bei Produkten aus dem Labor sei dies nicht gewährleistet. Wittke arbeitet bei Ecovative. Das Unternehmen hat sich auf die Entwicklung und Skalierung nachhaltiger, naturbasierter Technologien aus Myzel, den Wurzeln von Pilzen, spezialisiert. Diese Häute würden binnen neun Tagen wachsen und erlaubten eine schnelle Entwicklung. Wittkes Wunsch: Biobasierte Materialien müssten als eigenständige Kategorie aufgebaut werden. Leder und biobasierte Materialien könnten dann gemeinsam am Markt existieren, pflichtete Sabrina Kliese bei. Ihr Unternehmen Revoltech entwickelte „Mattr“ – ein Material auf der Basis von Algen.
Die Zusammenarbeit zwischen Materialherstellern und Markenindustrie scheitert aber nicht nur am Preis. Sabrina Kliese erläuterte, dass neue Materialien bei der Verarbeitung andere Eigenschaften aufwiesen. „Sie verhalten sich daher nicht eins zu eins wie Plastik.“ Offenheit für Experimente wäre also ein Stück weit gefordert – die gerade große Marken aber wohl nicht unbedingt mitbringen. Denn diese lassen von Dritten fertigen, ergänzte Melina Bucher. Für Innovatoren sei es daher schwierig, mit ihnen zu kooperieren. Die Branche steckt laut Tom Schneider also in „einem Teufelskreis“, denn: „Die Preise gehen erst runter, wenn skaliert wird und die Materialien eingesetzt werden.“
Wo steht die Branche in fünf Jahren?
„Ich hoffe, dass mehr Marken aus dem Mittelpreissegment auf biobasierte Materialien setzen“, antwortete Maria Bucher dementsprechend auf die Frage, was die Branche in fünf Jahren erreicht habe. Das scheint allein aus wirtschaftlichen Gründen unabdingbar, wie Cornelia Wittke erläuterte. „Einige Materialien müssen sich durchsetzen und massiv eingesetzt werden. Ansonsten sind sie nicht mehr da. Die Supply Chain ist gefordert.“ Tom Schneider appellierte in die gleiche Richtung: „Die Finanzierung ist ein Problem. Wir brauchen einen langen Atem, auch um die Rechtsabteilungen anzuschieben.“ Sabrina Kliese zeigte sich optimistisch und stellte die Fortschritte der Produktentwicklung in den Fokus. „In fünf Jahren werden wir die ersten Produkte haben, die aus der zweiten Generation der biobasierten Materialien gefertigt sind.“