Szenen aus dem Alltag indischer Lederproduzenten. Ein Mann greift ohne Handschuhe und sonstige Schutzkleidung in einen Eimer mit roter Farbe. Arbeiter transportieren bergeweise Häute auf einem Anhänger durch eine Gerberei. Sie tragen lediglich Schürzen. Keine Schuhe. In der Zurichtung reicht ein junger Mitarbeiter Häute an – er ist eher Kind als Jugendlicher. Und unweit der Fabriken fließt ungeklärtes Abwasser in den nahe gelegenen Fluss. Das ist furchtbar. Kaum zu ertragen. Und doch ist es Realität. So und wahrscheinlich auch noch viel schlimmer. Am 11. November strahlte das ARD-Magazin Plusminus einen Bericht über die Zustände in indischen Gerbereien und auch Schuhproduktionen aus. Dabei gerieten auch Markenanbieter ins Visier der Journalisten. Es entstand der Eindruck, dass die gezeigten Zustände in Fabriken gefilmt wurden, die für Gabor und Geox produzieren. Beide Hersteller reagierten sofort und wiesen die Vorwürfe zurück. Beide unterstrichen, dass die erschreckenden Aufnahmen nicht in ihren Zulieferbetrieben aufgenommen wurden. Beide machten deutlich, dass man unter anderem unternehmenseigene Kodizes anwende, um Arbeitsbedingungen, Umwelt- und Gesundheitsschutz sowie die Qualität der Produkte zu regeln und Missstände weitestgehend auszuschließen. Und sie kündigten an, Kontrollen und Prüfverfahren noch weiter zu intensivieren.
Relativierung tut Not
Unterdessen nahm in den sozialen Netzwerken der Shitstorm seinen Lauf. Aufgebrachte Verbraucher verkündeten, Schuhe der genannten Marken nicht mehr zu kaufen. Von „unverschämter Leugnung der Schuhfirmen“ war die Rede. „Schämt Euch!“, lautete der Tenor. Damit hätte die Sendung erreicht, was beabsichtigt war: Aufmerksamkeit. Dr. Kerstin Schulte, Expertin beim PFI in Pirmasens, Recht, wenn sie im Roundtable-Gespräch sagt: „Ich halte es für unfair, dass in vielen Berichten auf eine Relativierung verzichtet wird. Es wird gezielt das Negative gezeigt.“ Dass Aufnahmen in einem Unternehmen, wo die Lederproduktion in geordneten Bahnen und unter Einhaltung aller Sicherheitsstandards erfolgt, wohl wenig spektakulär sind, darf angenommen werden.
Um an dieser Stelle keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Es gibt horrende Missstände in Produktions-betrieben der Schuhbranche. In Asien. Und nicht nur dort. Und es gibt viel zu tun, um die teils katastrophalen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Es gibt aber auch viele Unternehmen, die sich ihrer Verantwortung sehr bewusst sind. Die enorme Summen investieren, um bei eigenen Zulieferbetrieben solche Zustände eben nicht zuzulassen. Und das nicht erst seit der Ausstrahlung von kritischen TV-Dokumentationen. Und dann hat diese Thematik noch eine weitere Dimension: Es gibt auch den Verbraucher, der seine Wut auf Facebook kundtut, sie an der Kasse aber schnell vergisst. Auch das ist Teil der Realität.
schuhkurier Ausgabe 47/2015