Ein Traditionsunternehmen unter Druck: Die 1863 gegründete Carl Semler Schuhfabrik will sich in Eigenverwaltung sanieren. Einen entsprechenden Antrag hat das Unternehmen am 16. Januar 2024 beim Amtsgericht Pirmasens gestellt. Gegenüber schuhkurier betont Geschäftsführer Stefan Markert, der den Schuhhersteller gemeinsam mit Jürgen Becker leitet, Semler werde wie gewohnt weitergeführt: „Wir werden uns neu aufstellen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns das gelingen wird.“ Der Antrag sei zu einem frühen Zeitpunkt gestellt worden, an dem das Unternehmen noch saniert werden könne.
Als Gründe für die schwierige Situation nennt Markert starke Umsatzrückgänge und Zahlungsausfälle in den vergangenen Jahren, einhergehend mit einem hohen Schuldenstand. Die Veränderungen im Markt, vor allem das Wegfallen zahlreicher Schuhhändler, hätten den Schuhhersteller mit Produktionsstätten in Pirmasens und Ungarn in schwieriges Fahrwasser gebracht.
Besonders einschneidend seien die externen Einflüsse während der Corona-Pandemie gewesen. Laut dem Portal Northdata schloss der Damenschuhhersteller die Corona-Jahre 2020 und 2021 mit Jahresfehlbeträgen; 2022 gab es einen minimalen Jahresüberschuss. In den Jahren 2021 und 2022 nahm das Unternehmen staatliche Beihilfe in Anspruch. Auch die aktuellen geopolitischen Konflikte hätten zur Situation beigetragen, teilt das Unternehmen mit. „Wir haben versucht, die Umsatzrückgänge durch Kostenreduktion, neue Einnahmequellen und Kreditaufnahmen abzufedern. Leider konnten diese Maßnahmen die Umsatzeinbrüche nicht kompensieren.”
Wie Stefan Markert gegenüber schuhkurier erklärt, nehme er viel Zuspruch aus dem Markt wahr – gerade auch in der aktuellen Situation. Hier zahle sich die langjährige gute Zusammenarbeit aus. Die Resonanz auf die Kollektionen sei gleichbleibend positiv. Händler seien hochzufrieden mit Abverkäufen, Qualität der Produkte und Liefertreue. Markert betont, man werde alle Kunden wie gewohnt weiter bedienen, es seien keine Störungen in der Lieferkette zu erwarten.
Die Löhne der Mitarbeitenden sind über das Insolvenzgeld zunächst für die Monate Januar bis einschließlich März gesichert. Ab April will die Carl Semler Schuhfabrik die Lohn- und Gehaltszahlungen wieder übernehmen. Semler habe mit der Eigenverwaltung gute Chancen, diese Phase in der 162-jährigen Firmengeschichte nicht nur gut zu überstehen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen, teilt das Unternehmen mit.
Als Generalbevollmächtigter wurde der Sanierungsexperte und Rechtsanwalt Lukas Eisenhuth (Kanzlei Abel und Kollegen) eingesetzt. Vorläufiger Sachwalter ist Dr. Blank (Blank und Partner) aus Saarbrücken. Das Verfahren soll alle betroffenen Beteiligten – Mitarbeitende, Betriebsräte, Banken, Kunden/Lieferanten und alle Gläubiger und Gesellschafter – mit einbeziehen. Die Geschäftsführer bleiben voll handlungsfähig.
Der Schuhhersteller Semler hat eine lange Tradition: 1863 gründete der Schuhmachergeselle Carl Semler sein Gewerbe. Heute wird das Unternehmen in fünfter Generation von Stefan Markert und Jürgen Becker geführt. Seit die einst älteste Schuhfabrik Deutschlands, Peter Kaiser, keine Schuhe mehr in Pirmasens produziert, ist Semler der älteste Schuhhersteller Deutschlands. In Pirmasens beschäftigt das Unternehmen 70 Mitarbeitende; im eigenen Werk in Ungarn 180. Die Tagesproduktion liegt laut Stefan Markert bei rund 1.000 Paar Schuhen.