Welche Rolle spielt D2C für Semler?
Jürgen Becker: Wir haben schon seit drei Jahren einen eigenen Onlineshop und wollen das Thema D2C ausbauen und forcieren, ohne zu unseren Kunden in den Wettbewerb zu treten. Dazu haben wir auch unser Team verstärkt. Wir sehen D2C als sinnvolle Ergänzung zum Fachhandel und bauen den Kanal gezielt weiter aus.
Wie stark müssen und werden Sie Semler verjüngen, um neue Zielgruppen zu erreichen?
Sven Tretter: Das wird sukzessive geschehen. Unsere letzte H/W-Kollektion war schon deutlich jünger und wir konnten mit diesen Modellen gute Verkäufe erzielen. Es ist aber wichtig, das richtige Maß an Verjüngung zu wahren.
Jürgen Becker: Bislang haben wir einen Grad an Verjüngung umgesetzt, den der Markt voll mitgetragen hat. Wir bekommen Feedback aus dem Handel, dass gerade unsere modischeren Sneaker sehr gut angenommen wurden. Wir werden nun von Saison zu Saison sehen, welche neuen Gruppen wir aufnehmen. Grundsätzlich ist es so, dass wir Frauen der Generation 40+ ansprechen. Aber wenn wir ehrlich auf die Kundinnen schauen, sind die meisten aktuell doch noch eher 60 oder 70 Jahre alt. Das wollen wir behutsam ändern, um die Marke auch für jüngere Zielgruppen zu öffnen.
Wo sehen Sie im Schuhbereich Innovationspotenzial?
Sven Tretter: Für uns ist es wichtig, eine modische Weiterentwicklung unserer Kollektion auf vernünftigen Leisten und guten Böden zu vollziehen. Wir legen Wert auf Materialien aus Europa, vor allem Italien und Portugal. Damit sehe ich uns auf dem richtigen Weg. Wir befassen uns auch mit dem Thema KI. Aber in dieser Hinsicht sind einige große Unternehmen der Branche sicherlich schon viel weiter als wir. Wir stehen eher noch am Anfang.
Das Thema Marge wird weiterhin intensiv diskutiert. Aktuell geht es in diesem Zusammenhang auch um Eckpreislagen. Inwieweit können Sie den Handel hier unterstützen?
Jürgen Becker: Seit F/S 2026 und auch zu H/W 2026/27 haben wir Schuhe in der Kollektion, die dem Handel eine Marge von 160 % ermöglichen. Darüber hinaus bieten wir ausgewählte Modelle mit besonderer Kalkulation. Dabei muss man auch berücksichtigen, dass unsere Modelle eine höhere Kontinuität haben und nicht auf einzelne Modeimpulse angewiesen sind. Ein Schuh, der in diesem Jahr nicht verkauft wird, kann auch nächstes Jahr noch angeboten werden, was das Verfallsrisiko für den Handel reduziert. Und bei unseren Preislagen – im Schnitt 170 Euro für Halbschuhe – hat der Handel durchaus noch eine gute Marge.
Herr Tretter, Sie bilden die sechste Generation der Unternehmerfamilie. Woran wird man in fünf Jahren sehen, dass Sie als jüngere Generation Weichen neu gestellt haben?
Sven Tretter: Ich bin nicht sicher, ob man das von außen erkennen sollte. Mir geht es darum, die Tradition fortzuführen und die Identität zu bewahren. Dass da, wo Semler draufsteht, auch in Zukunft Semler drin ist. Dass sich die Qualität unserer Schuhe nicht ändert und wir weiterhin die gleiche Passformkompetenz bieten. Ich möchte daran arbeiten, dass die Kundin immer wieder zu unserer Marke zurückkehrt und sich darauf verlassen kann, dass ein Semler-Schuh, der ihr vor fünf Jahren gepasst hat, immer noch genauso passt.
Sie sind 2019 in einer herausfordernden Zeit ins Unternehmen eingetreten. Dann kam Corona und der Ukraine-Krieg. Was hat Sie überzeugt, trotz der zahlreichen Herausforderungen auch als Gesellschafter einzusteigen?
Sven Tretter: Die Frage, ob ich das lieber nicht tun sollte, hat sich mir nie gestellt. Mir wurde dieser Weg in die Wiege gelegt und für mich war schon sehr früh klar, dass ich Verantwortung für dieses Unternehmen übernehmen möchte. Es erfüllt mich mit Stolz, zu sehen, wo ich jetzt schon stehe. Aber natürlich gab es nach meinem Eintritt in das Unternehmen zahlreiche Herausforderungen und Probleme. Bei jeder Jahresplanung hieß es: Dieses Jahr war anspruchsvoll, nächstes Jahr muss es endlich losgehen. Aber es kamen immer neue Themen. Es war schon immer Teil meiner Motivation, das Beste für die Firma zu erreichen – trotz der anspruchsvollen Situation.
Jürgen Becker: Ich bin meinem Neffen für diese Haltung sehr dankbar. Sven hat in den vergangenen Jahren viel Verantwortung übernommen und diese Phase mit großer Klarheit und hoher Einsatzbereitschaft mitgetragen. Er hätte auch sagen können: Ganz ehrlich, so wie sich die Branche verändert, mache ich das nicht. Aber er hat sich anders entschieden und ist sogar Gesellschafter geworden. Und das ist auch Antrieb für uns, die Weichen so zu stellen, dass das Unternehmen an die sechste Generation übergeben werden kann.