Übergrößen-Kunden sind treu
Dennoch dürften vor allem die großen Größen in der bevorstehenden Orderrunde im Aufwind sein. „Wir kaufen bei bestimmten Lieferanten jeden Schuh, den es in 43 gibt“, sagt Henrik Dismer. Ähnlich ist es bei Hofbauer: „Bei vielen Modellen kaufen wir auch große Größen mit“, so Ina Hofbauer. Grundsätzlich sind die Händler mit dem Angebot der Industrie in großen Größen recht zufrieden, zumal bestimmte Lieferanten hier ausgesprochen engagiert sind. Dass es sich auszahlen kann, gezielt in das Übergrößen-Geschäft zu investieren, zeigt sich bei Lötte in Bochum. Wenn man das Geschäft in bester City-Lage betritt, ist man durchaus beeindruckt von der außerordentlich breiten Auswahl in großen Größen. „Wir gehen bei den Damen bis 45, vereinzelt auch bis 46, bei den Herren bis 50/51“, erläutert Frank Beckmann, „wir sind in Übergrößen also wirklich kompetent.“ Da die Mitbewerber so große Größen gar nicht führen, „teilen wir sie stückzahlmäßig ähnlich wie die Standardgrößen ein“. Schon Frank Beckmanns Vater hat zu seiner Zeit das Potenzial der großen Größen erkannt und „den Übergrößen-Bereich aus- und Kompetenz aufgebaut“. Der Sohn hat diese Kompetenz gezielt weiterentwickelt und für den Bereich große Größen eine eigene Kundenkartei aufgebaut. Darin sind heute die Daten von rund 2.500 Frauen und 1.000 Männern hinterlegt, allesamt „sehr treue und dankbare Kundinnen und Kunden“, die zweimal in der Saison einen speziellen Flyer mit den in großen Größen erhältlichen Modellen bekommen und aus einem 100 km-Radius zum Schuhkauf nach Bochum kommen.
Während in den meisten Häusern der Akzent auf Sportivität liegt, findet man bei Lötte ein stilistisch und modisch ausgesprochen vielseitiges Übergrößen-Angebot vor. Das Sortiment ist nicht nur klassisch bis sportiv und eher zeitlos ausgerichtet, sondern ausgesprochen farbig, betont modisch und auch mal extravagant. „Wir kaufen ganz breit ein“, so Beckmann. Und „natürlich freut man sich, wenn man auch in großen Größen etwas Modisches anbieten kann“, durchaus auch etwas „mit Strass, in Pink oder Grün“. Beckmann ist immer auf der Suche nach Neuheiten, Durchläufer kauft er auch in 45 „maximal zwei Saisons lang“. „Man braucht ein vernünftiges Angebot – und dazu gehören auch ein paar Spezialitäten“, sagt Frank Beckmann. Schließlich ist die Community von Unter- oder Übergrößen-Kundinnen so heterogen wie der Rest der Kundschaft. Ihr gemeinsamer Nenner ist neben einer meist eher überdurchschnittlichen Körpergröße ausschließlich die jeweilige Schuhgröße, der Geschmack und der persönliche Bedarf sind höchst individuell. „Die“ Übergrößen-Kundin gibt es daher nicht.
Modische Kompetenz braucht Mut
Bei den meisten Händlern wird das Gr0ße-Größen-Angebot modisch daher nicht anders bestückt als das Normalgrößen-Sortiment: Die Musik spielt eher im sportiven Bereich, Galanterie dagegen eine untergeordnete Rolle. Dennoch gibt es auch in Größe 43 und darüber einen gewissen Bedarf an eleganten Schuhen, nicht zuletzt für Anlässe. „Wir ordern auch Absatz in 43, denn es wird durchaus danach gefragt“, sagt etwa Karl-Georg Reindl. So ist es auch bei Dismer, allerdings „stellt sich bei der Anprobe oft heraus, dass die meisten großen Frauen sich im Spiegel dann doch mit Absatz nicht gefallen“. Eine Herausforderung ist zudem, dass zwar „auch Kunden mit großen Schuhgrößen ein modisches Angebot wünschen, dies jedoch das Lagerrisiko erhöht, denn in den Randgrößen ist der Abverkauf deutlich langsamer“, so Ina Hofbauer.
„Es ist eben auch eine Mutfrage“, so Benjamin Wittstock. „In der Regel tendiere ich dazu, in 43 keine ausgefallenen Modelle zu ordern, sondern die Schuhe, die erfahrungsgemäß gut gehen.“ Wie viel Mut man sich hier leisten kann, hängt maßgeblich von dem Stellenwert ab, den große Größen im eigenen Sortiment haben. Es ist ein Unterschied, ob man große Größen in gewissem Umfang mit anbietet, oder ob man sich – wie Lötte – einen Ruf als ausgesprochener Spezialist erarbeitet hat. Wer eine ebenso vielfältige wie erwartungsvolle und treue Große-Größen-Community hinter sich versammelt hat, muss sie Saison für Saison überraschen und begeistern – und kann modisch zweifellos beherzter agieren. Wer einen Kreis von eher bedarfsorientierten Übergrößen-Kundinnen bedient, wird sein Sortiment vorzugsweise mit sportlicher Ware bestücken und damit gut fahren. Doch egal ob man sein Randgrößen-Sortiment nun eher klassisch oder durchaus trendy ausrichtet: Es ist, so Ina Hofbauer, grundsätzlich „ein Wett- bewerbsvorteil, wenn man in großen Größen gut aufgestellt ist“.