Welche Gemeinsamkeiten haben ein kleiner Lederwarenfachhändler, eine Modekette und ein Online-Shop? Alle begrüßen vielleicht ab und an die gleichen Kunden. Damit hat es sich aber auch schon. Dass die Schere zwischen groß und klein immer weiter auseinandergeht, zählt zu den Allgemeinplätzen – und ist doch immer wieder frappierend zu beobachten.
Auf Wiedersehen „Multi Channel“, hallo „künstliche Intelligenz“: Auf dem Deutschen Handelskongress Mitte November in Berlin feierten die aktuellen digitalen Schlagworte Hochkonjunktur. Unternehmensberater und Top-Manager gaben sich ein Stelldichein und diskutierten über die nächsten datengetriebenen Wellen, die über den Handel hinweg rollen und dessen Spielregeln neu definieren werden. Willkommen in der digitalen Zukunft des Handels.
Eine Woche später in Mainhausen: Eingebettet in den Zukunftstag der ANWR trommelte Goldkrone-Geschäftsführer Holger May für die Teilnahme an der Lederwarenplattform Bagmondo. „20 bis 25 Teilnehmer“ seien für den Launch der Seite nötig. Außerdem erleichtere diese „kritische Masse“ der Goldkrone, weitere Lieferanten dazu zu motivieren, eine vernünftige Datenqualität zur Verfügung zu stellen. Willkommen in der digitalen Realität des Lederwarenhandels.
Der Kontrast zwischen den beiden Veranstaltungen könnte nicht größer sein. Da überrascht es nicht, dass in Mainhausen ein Vortrag des Neurowissenschaftlers Dr. Henning Beck besonders viel Zustimmung seitens des Publikums erhielt. Tenor: „Computer sind dumm. Nur schneller als vor 50 Jahren.“ Kreativität und Einfallsreichtum sind und bleiben die unschlagbaren menschlichen Qualitäten. Das klang in Berlin übrigens ähnlich. Microsoft-Chefin Sabine Wendiek nahm die etwaige Angst vor Künstlicher Intelligenz. Diese sei ein „hervorragendes Assistenzsystem“ für Menschen – nicht mehr. „Wir haben die Ideen, die Imagination.“
So richtig die Erkenntnis auch ist, so falsch wäre es, sie als Freifahrtschein in die Zukunft zu verstehen nach dem Motto: Wir kleineren Fachhändler sind vielleicht nicht die Digital-Könige. Aber das gleichen wir durch emotionale Kundenansprache, Persönlichkeit und das Kauferlebnis vor Ort aus.
Lederwarenhandel muss Digitalisierung voranbetreiben
Die Lederwarenbranche darf die Hände nicht in den Schoß legen. Ohne ein digitales Basis-Niveau gibt es keine Zukunft. Dieses ist noch nicht erreicht. Dass die Goldkrone oder auch die Assima gemeinsam mit dem Software-Dienstleister SGH die Digitalisierung vorantreiben, ist notwendig. Standardisierte Prozesse ermöglichen Händlern erst die Freiräume, um ihre kreativen Stärken auszuspielen. Dabei sollte sich niemand in die Tasche lügen. Als unvergleichbare Fachhändler, die ihre Kunden überraschen und begeistern, lassen sich leider noch zu wenige bezeichnen.