Kitzbühel, im Sommer 2015. Vor dem prächtigen Alpen-Panorama kamen mehr als 170 Gäste aus Handel und Industrie zusammen, um ein Gesicht der Branche zu verabschieden. ’Servus, Heiner Terbuyken‘ hieß es damals in schuhkurier über den Abschied des Urgesteins von der Gabor Footwear GmbH. Es wurde ein Abend voller Anekdoten, Emotionen und Überraschungen – und mit vielen Geschenken. Unter anderem wurde dem passionierten Fahrradfahrer ein Gutschein für eine Radtour auf der historischen Seidenstraße überreicht. China wird allerdings noch ein wenig länger auf Heiner Terbuyken warten müssen. Von Ruhestand kann beim ehemaligen Camel Active Geschäftsführer nämlich keine Rede sein. Ganz im Gegenteil: Terbuyken hat sich als Berater für die Schuhbranche selbständig gemacht, entwickelt Ideen und treibt Projekte voran. Dabei kann ’Radio Scarpa‘ auf ein Netzwerk zurückgreifen, das in der Schuhbranche seinesgleichen suchen dürfte. Und scheinbar so ganz nebenbei organisiert er einen im Dezember Winter-Zirkus in Wiesbaden…
Ein Mann der leisen Töne war der gebürtige Niederrheiner noch nie. Auch in seiner Funktion bei Gabor hat er stets Stellung bezogen – und dabei immer auch über den Tellerrand geblickt. Aus seinen leidenschaftlichen Plädoyers sprach stets das ehrliche Bemühen um die Weiterentwicklung der Branche. Das hat sich nicht geändert: Heiner Terbuyken macht sich auch weiterhin viele Gedanken. Und stellt unbequeme Thesen auf, die weder im Handel noch auf Seiten der Industrie für Begeisterung sorgen dürften.
Die Branche habe das Ende der Wachstumsstory erreicht, sagt er im Interview mit schuhkurier. „Der Anteil der Brown-shoes wird künftig leider ständig abnehmen zu Gunsten der Whiteshoes“, so Terbuyken. Der Experte geht im Gegensatz zu vielen anderen Marktbeobachtern nicht davon aus, dass auf die aktuelle Sneakerwelle quasi automatisch ein Gegentrend folgt, der wieder die Anbieter von Galanterie in den Fokus rückt. Im Gegenteil: Die Nachfolger der Sneaker werden aus den Kollektionen der Sneakeranbieter kommen, glaubt Terbuyken. Diese, so seine Begründung, würden sich aktuell so viel Wissen rund um die Schuhproduktion aneignen, dass sie künftig in der Lage seien, auch Modelle über Sneaker hinaus anzubieten. Eine beunruhigende Perspektive. Auf die sich der Handel besser heute als morgen einstellen sollte. „Der konventionelle Schuhhandel wird Paarzahlen verlieren und muss, um Erträge zu erwirtschaften, mit höheren Deckungsbeiträgen arbeiten“, sagt Heiner Terbuyken. Um auch in Zukunft in einem brutalen Wettbewerb bestehen zu können, sei ein umfassendes Fitness-Programm notwendig: mehr
Service, bessere Logistik und umfassende Digitalisierung.
Im schuhkurier-Interview steckt jedoch auch ein Lichtblick für die Branche: „Ich hoffe, ich habe nicht Recht.“ Das wäre in der Tat wünschenswert, Heiner Terbuyken.