Der US-Präsident sprach in seiner Ankündigung am 2. April vom „Liberation Day“. Der HDS/L-Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert sieht das anders: „Aus unserer Sicht handelt es sich um alles andere als eine Befreiung. Zölle sind ganz grundsätzlich immer eine Belastung, sowohl finanziell als auch bürokratisch. Und die Dimensionen, in denen jetzt Zölle erhoben werden sollen, hat es so noch nie gegeben. Sie bedeuten in jedem Fall höhere Kosten für die US-Konsumentinnen und -Konsumenten. Und wer praktisch die ganze Welt mit Zöllen überzieht, muss mit Gegenmaßnahmen rechnen“, erklärte Junkert auf schuhkurier-Anfrage.
Die Situation ist laut dem HDS/L-Hauptgeschäftsführer nicht vergleichbar mit den Strafzöllen, die die EU von 2006 bis 2011 auf Schuhe aus China und Vietnam erhoben hatte: „Damals ging es darum, ein Dumping durch China und Vietnam zu bekämpfen, die aus Sicht der EU Schuhe unter Preis verkauft hatten.“ Die nun angekündigten Maßnahmen der US-Regierung seien aber vielmehr „ein Feldzug gegen die ganze Welt“.
„Dabei ist die Bezeichnung ’reziprok‘ irreführend“, so Junkert weiter. „Natürlich gibt es weltweit Zölle auf bestimmte Waren und Produktgruppen. Reziprok würde bedeuten, dass man Gegenzölle, diese einzelnen Waren betreffend, erheben würde. 20% bis 50% Zoll auf alles – das hat nichts mit reziprok zu tun“, betont Junkert und ergänzt: „Die Ankündigung der Trump-Administration führt nun zu großer Verunsicherung, weil niemand weiß, wie lange die Zölle gelten sollen: Sind es zwei Wochen oder vier Jahre? Und Verunsicherung ist in jedem Fall schädlich für das Geschäft.“
Für deutsche Schuhhersteller müsse nun geprüft werden, von wo Schuhe in die USA geliefert werden. Lässt beispielsweise ein Sportschuhanbieter die Ware vorwiegend in Vietnam herstellen, ist es ein Unterschied, ob die Schuhe direkt von dort in die USA geliefert werden (laut Trump-Ankündigung vom 2. April bedeutet das 46% Zoll) oder von einem Lager in der EU (20%). Bei einer Lieferung direkt aus China würden 34% Zoll erhoben. „Es stellt sich auch die Frage, wer die Zölle kontrolliert. Die USA bräuchten das X-Fache an Beamten in den Zollbehörden, um die Durchsetzung der Maßnahmen sicherzustellen. In jedem Fall besteht aktuell noch eine große Unsicherheit“, so Junkert weiter.